Von Tante Emma zu Onkel Ali – eine spannende Diskussion um migrantische Ökonomie

Veranstaltung mit Prof. Dr. Hanesch von der TU Darmstadt und Barbara Cárdenas, Migrationspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag. Bericht zu einer Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung im Bürgerbistro des Dietzenbacher Rathauses am 23.02.11.

Zu einem brisanten Thema hatte gestern Abend die Rosa Luxemburg Stiftung ins Bürgerbistro des Dietzenbacher Rathauses eingeladen. „Migrantische Ökonomie: Chance für Städte und Gemeinden“ war der Gegenstand der Veranstaltung samt anschließender Diskussion. Aktueller Anlass war ein Vorschlag der Linken, in Dietzenbach, - das einen sehr hohen Migrantenanteil aufweist -, die Errichtung einer Markthalle anzuregen, um Migranten ökonomisch besser einzubinden und zu fördern.

In Zusammenarbeit mit Barbara Cardenás, MdL DIE LINKE. Hessen, migrationspolitischer Expertin der Fraktion, und des Kommunalpolitischen Forums Hessen, konnte Prof. Dr. Walter Hanesch von der Hochschule Darmstadt als Referent gewonnen werden, der das Thema migrantische Ökonomie seit vielen Jahren wissenschaftlich begleitet. Natascha Bingenheimer, Vorsitzende DIE LINKE. Dreieich und Vorstandsmitglied des Kreisverbandes Kreis Offenbach, moderierte.

Walter Hanesch überzeugte durch einen profunden Vortrag, in dem er nach erfolgter Begriffsdefinition eine Analyse der Situation migrantischer Ökonomie präsentierte. Ein sich daraus ergebender Forderungskatalog für Kommunen und Land rundete das Referat ab.

Unter migrantischer Ökonomie wird die selbstständige Klein- und Kleinstbewirtschaftung durch Migranten verstanden, deren Kundenpotential sich hauptsächlich aus dem Kreis der Zugewanderten selber speist. Drei Erklärungsmodelle für die ethnische Ökonomie stellte Hanesch vor: das Nischenmodell, das Kulturmodell und das Reaktionsmodell. Das Nischenmodell expliziert, dass Migranten die Selbstständigkeit in – hauptsächlich „Einmannbetrieben“ – bevorzugen, weil sie damit den Bedarf ihrer eigenen Gruppe decken. Das Kulturmodell thematisiert Besonderheiten wie die „Mentalität zur Selbstständigkeit“, die bei bestimmten Gruppen wie Türken, Italienern oder Griechen, einen hohen Status hat. Das Reaktionsmodell stellt die These in den Raum, dass die hohe Selbstständigenquote kausal an schlechte Arbeitsmarktchancen geknüpft ist.

Hanesch stellte einen ganzer Fächer integrativer Aspekte vor, wonach eine gelungene Integration daran gemessen werden kann, inwieweit die migrantische Ökonomie die Nische verlässt, und sich zur „gereiften migrantischen Ökonomie“ weiter entwickelt. Daran knüpft die Diskussion um die Einbindung in unsere Sozialsysteme an, die unabdingbare Voraussetzung für die gelungene Integration ist. Kommunen und Länder sind hier ganz klar gefordert, aber auch die Zugewanderten selbst. Das Reaktionsmodell scheint insgesamt viele kritische Aspekte zu betonen. Prekäre Arbeitsbedingungen, schlechte berufliche Vorkenntnisse, geringe Ausbildungsquote, unzureichende Sprachkenntnisse und schließlich die als kritisch zu bewertende Rolle der Frauen standen als Gesichtspunkte im Raum.

Natascha Bingenheimer zitierte abschließend Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“