Zurück zur Startseite

Winnenden - was danach?

Gedanken um reformpädagogische Ansätze, als Ausweg aus der Schulmisere 

Klischees taugen nichts zur Erklärung der Tat von Winnenden.

Warum seit Jahren die Zahl psychischer Erkrankungen nicht nur aber auch unter Schülerinnen und Schülern steigt, diese Frage wird gar nicht erst gestellt. Und: Dass eben gerade das Zuviel, bereits jetzt zuviel an Ordnung, Zucht, Kontrolle und Drill Mitauslöser solcher Taten sind – darauf kommt niemand. 

Wichtigster von vielen Faktoren, die derlei Amokläufe verursachen bzw. begünstigen, die immer größer werdende soziale Kälte in unserer Gesellschaft, die das folgelogische Resultat zunehmender sozialer Ungleichheit darstellt. 

Immer mehr Armut führt folgelogisch dazu, dass die Schulen immer selektiver und die Schulabschlüsse für das Leben der Kinder und Jugendlichen immer bedeutsamer werden. Sie führt aber eben auch dazu: Dass die Schule an sich für immer mehr Schülerinnen und Schüler an Bedeutung verliert – insofern nämlich, dass sie bereits ab der 5. Klasse, wie dies bspw. bei Hauptschülerinnern und -schülern der Fall ist, wissen und täglich gesagt und bedeutet bekommen: Aus mir wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals mehr als ein Harzt IV-Empfänger. Wir haben also: Immer größer werdenden Leistungs- und Konkurrenzdruck sowie Zukunftsängste, gepaart mit Demütigung, Verzweiflung, Kränkung, Resignation. Das Gefühl einer größer werdenden Zahl von Kindern und Jugendlichen ist es inzwischen doch vor allem, nur noch Marionette in einem Bildungswesen zu sein, in dem es um vieles, vor allem jedoch ihr eigenes Ein- und Weg- und Aussortieren geht – nicht jedoch um ihre Interessen, ihre Zukunft, ihr Glück. Kinder und Jugendliche leiden an ihrer zunehmend perspektivlosen und instrumentellen Zurichtung des Individuums für sein bloßes Funktionieren im Kapitalismus – und also ‚für den Arbeitsmarkt’ etc. 

Wie kriminologische Forschungen zeigen, handelt es sich beim typischen Schulamokläufer in der Regel um einen eher introvertierten Einzelgänger, der nach außen hin als ganz normal erscheint. Er ist weder zwingend psychisch krank noch irgendwie sadistisch oder besonders aggressiv. Allenfalls findet sich bei ihm gelegentlich eine Neigung zur Depressivität. Der entscheidende Punkt ist jedoch der folgende: Der typische Schulamokläufer hat ein ausgesprochenes Selbstwertproblem. Er fühlt sich klein und ohnmächtig. Häufig ist kurz vor der Tat etwas passiert, das ihn sehr gekränkt hat. Die Tat selbst empfindet er als »Wiedergutmachung« dieser Zurücksetzung. Nun geht es um die Wiedergewinnung der Kontrolle und darum, endlich wieder jemand zu sein, und sei es auch nur für eine ganz kurze Zeit. 

Niemand behauptet, die Schule – als System, wohl gemerkt! - allein trage hieran die Alleinschuld. Das Problem ist vielmehr, dass Schulen Spiegelbilder der Gesellschaft sind. Diese Gesellschaft setzt aber zunehmend auf Rivalität. Ihre neoliberale Ideologie produziert jede Menge Verlierer. In den Schulen tauchen also zunehmend Schüler auf, die wenig menschliche Nähe, wenig Verlässlichkeit und kaum Gemeinschaft erfahren haben. Denn die Beziehungsfähigkeit ist nicht nur in der Gesellschaft gestört, sondern auch in den Familien. 

Solche Kinder und Jugendliche müssten die Schulen eigentlich pädagogisch auffangen. Aber sie tun in der Regel das Gegenteil. Deutlich wird dies dort, wo die Schule einen vorgeschädigten Jugendlichen in die soziale Isolation treibt. 

Schule muss endlich aufhören, Unterschiede herzustellen, Angst und Leistungsdruck zu vermitteln, Kinder ‚auszusieben’ und ‚wegzusortieren’ und ihnen Angst zu machen, weil die Politik das für soziales Lernen notwendige Geld lieber an Banken verteilt und unter dem Namen „Investitionsprogramm“ an Baufirmen verteilt. Schule muss zu einem Ort werden, an dem Kinder zu sozial kompetenten Menschen heranreifen können und werden, und sich als die, die sie sind, wertgeschätzt fühlen, anstatt als plumpe Protagonisten einer Ordnung, die ihnen aus guten Gründen immer sinnloser erscheint. 

Dazu bedarf es vor allem: 

· einer Verbesserung der Lernkultur: längeren gemeinsamen Lernens also, mehr Mit- statt Gegeneinander, mehr Gruppenarbeit, mehr Teambildung, mehr kooperativer, ‚sozialer’ Methoden und Interaktion, mehr des Lobes;

· einer Verbesserung des Schulklimas hin zu einer Abschaffung schulischer Konkurrenzverhältnisse insbesondere auch in Form von Noten solange es irgend geht (die skandinavischen Länder als PISA-Sieger sind uns auch hier um Meilen voraus);

· einer Verbesserung der Kommunikations- und Mitbestimmungsformen in der Schule (Schüler müssen sich endlich als gleichberechtigte Teile dieser Gesellschaft erleben dürfen und erfahren können, dass Demokratie mehr meint als ein etatistisches Verfassungsprinzip).