Eckpunktepapier zur Volksbildung

August 2010

Vorausgeschickt I: In vielen Staaten spricht man von Volksbildung, Venezuela hat zum Beispiel

eine „kostenlose Volksbildung“, aber vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sollte der

Begriff nur sehr vorsichtig eingesetzt werden.

Vorausgeschickt II: Es ist u.E. wichtig, ein Programm radikaler demokratischer „Volksbildung“,

das in Weg und Ausrichtung emanzipatorisch ist, in den nächsten Jahren zu formulieren und zu

propagieren. Die Summer Factory ‚Bildung‘ des ISM könnte dazu beitragen.

1. Eine der wichtigsten Aufgaben der „Volksbildung“ sollte es sein, kollektives Wissen zu

entwickeln und vor allem für Veränderungen nutzbar zu machen. Eine Voraussetzung, um sich

selbst und die Gesellschaft weiter entwickeln zu können, besteht darin, ein Verständnis für

Strukturen und Funktionen der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Natur zu bekommen.

Die Realität ist eine andere: Institutionalisierte „Volksbildung“ zielt v.a. auf wirtschaftlich

Verwertbares wie Kulturtechniken, Sprachen, EDV sowie auf gezielte berufliche

Weiterbildung. Dem muss etwas entgegen gesetzt werden, über Bildungsinhalte muss die

Auseinandersetzung geführt werden, die Nutzer müssen über Inhalte mitbestimmen.

2. Die allgemeine Bildungsbenachteiligung bestimmter Schichten ist auch hier wieder zu finden:

Bereits besser gebildete Menschen belegen häufiger Kurse - und werden häufiger vom Betrieb

dafür finanziell unterstützt - als weniger Gebildete. Unterschiede werden dadurch vergrößert

statt behoben, die Hierarchien gefestigt, die ‚lernende Gesellschaft‘ sabotiert. Das Problem

ist nicht der Bildungswille, denn es sind mehr als doppelt so viele, die sich für Weiterbildung

interessieren, als solche, die die Kurse tatsächlich belegen.

3. Eine emanzipatorische Volksbildung braucht eine andere Form des Wissenstransfers, mehr

selbständiges Lernen statt top-down-Methoden, mehr dialogisches Lernen, mehr Erarbeitung

und Diskussion der Inhalte in Gruppen statt lediglich Rezeption von Wissen über individuelles

e-learning.

4. Für eine vernünftige Gestaltung politischer Entscheidungen in komplexen Gesellschaften ist

eine voraus denkende, begleitende und weiterentwickelnde Beratung durch Wissenschaft

notwendig.

5. Die Wissenschaften müssen für die Bürger wieder verständlich - und damit erst kritisierbar -

werden. Impulse geben könnte vielleicht der Versuch einer Übersetzung von

wissenschaftlichen Texten in die sog. Einfache Sprache, wie sie auch im Bereich der

Gleichstellungspolitik für Behinderte benutzt wird. Dies ist deutlich zu unterscheiden von

einer populärwissenschaftlichen Aufarbeitung.

6. Die Wissenschaftler_innen müssen aus dem Elfenbeinturm herabsteigen und auf den

Marktplatz gehen, um ihre Thesen zu verteidigen! (Was bedeutet das für das ISM? Wo

fänden wir das ‚Volk‘?)

7. Eine emanzipatorische Volksbildung braucht freie, unabhängige Medien. DIE LINKE setzt sich

für Medienvielfalt, für eine kritische Öffentlichkeit und für einen allgemeinen, kostenfreien

und sozial gleichen Zugang zu den Medien ein. Freie Medien wie Bürgerfunk, Offene Kanäle und

drahtlose Bürgernetze, aber auch offene und freie digitale Systeme wie das Internet, Open

Source und Freie Software, können als Plattformen zur Selbstorganisation und zur Umgehung

von Konzernzwängen und Meinungsmacht genutzt werden. Sie bilden Möglichkeiten zur aktiven

Ausübung von Medienfreiheit und dienen der Aufrechterhaltung und Erweiterung der

Kommunikationsfreiheit.