15.03.2010 Inklusion Erich-Kästner-Schule, Ortenberg

Inklusion – Alle mitnehmen, niemanden zurücklassen!

Ortenberg-Konradsdorf

In der Erich-Kästner-Schule, Schule für Lern- und Erziehungshilfe, in Ortenberg Konradsdorf im Wetteraukreis werden junge Menschen durch gezielte individuelle Förderung dabei unterstützt, Beeinträchtigungen ihres Lernvermögens abzubauen und auszugleichen. Bei ihrem Besuch der Schule am 15. März sprachen Abgeordnete der LINKE. Fraktion, Angehörige der Schulleitung, des Kollegiums und der Schülervertretung darüber, wie das Ziel der Inklusion – die Selbständigkeit und kulturelle Teilhabe der Schülerinnen und Schüler zu befördern – im Alltag angegangen wird, welche Probleme sich durch die aktuelle Bildungspolitik ergeben und welche Unterstützung benötigt wird.
In der Vorstellungsrunde erläuterten Lehrerinnen und Lehrer das Konzept der Schule. In der Schülerschaft gebe es ebenso Hochbegabte mit Verhaltensauffälligkeiten wie geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Sie alle hätten dasselbe Problem: Entweder seien sie für gängige Hilfsangebote „zu gesund“ oder „zu behindert“. Als Leitmotiv aller pädagogischen Arbeit gelte an der Erich-Kästner-Schule, die jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu selbstbewussten und selbständigen jungen Erwachsenen zu unterstützen.

Den Erfolg der Schule gibt es nicht ohne das nötige Kleingeld

Die Arbeit der Schule und ihre Erfolge hätten ein beachtliches Renommee. Inzwischen schafften 80 Prozent aller Schülerinnen und Schüler einen Abschluss, die Hälfte hiervon jeweils den Sonderschul-, die andere Hälfte den Hauptschulabschluss. Um diese Qualität halten und steigern zu können, organisiere und finanziere das Kollegium mindestens 18 schulinterne Fortbildungen pro Jahr. Die Rahmenbedingungen hätten sich in den vergangen Jahren sehr verändert. Beispielsweise seien die Unterstützung des Staatlichen Schulamtes und des Kultusministerium deutlich zurückgegangen.
Sparmaßnahmen im Landeshaushalt gingen zu Lasten der hier geförderten Kinder und Jugendlichen. So würden Förderschulen ersatzlos geschlossen. Die fatale Folge: Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen würden ohne die notwendige Förderung in den Regelschulbetrieb übernommen und gerieten erheblich unter Druck.
Die Anwesenden waren sich darin einig, dass für die Aufnahme von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in den Regelschulbetrieb deutlich mehr Geld in die Hand genommen werden müsse, um Benachteilung abzubauen.

Inklusion ist nicht einfach Integration – sie bedeutet soziale Teilhabe

In der Diskussion wurden die gemeinsamen Vorstellungen darüber, wo und wie Inklusion funktionieren kann, festgehalten. Schulen müssen klein sein, damit der Schulbetrieb überschaubar bleibt und Kollegium wie Schülerschaft sozialen Zusammenhalt gewinnen können. Die jungen Menschen werden so angenommen, so wie sie sind. Was im weiteren Verlauf zählt, ist ihre persönliche Entwicklung. Leistungsdruck und Anpassungszwang müssen überwunden werden. Entscheidend für den Arbeitsprozess sind die Bedürfnissen und Fähigkeiten des am meisten benachteiligten Fünftels der Schülerinnen und Schüler. Davon profitieren alle Kinder und Jugendlichen. Inklusion steht über der Integration von Menschen mit Behinderungen. Sie beinhaltet immer auch den Kampf um den Nachteilsausgleich von sozial Benachteiligten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion waren sich darin einig, dass das Regelschulsystem schrittweise im Sinne der Inklusion gestaltet werden muss. Dazu werden  
aber mehr und besser ausgebildete Lehrkräfte benötigt. Kontrovers wurde die Frage diskutiert, ob nicht erst das dreigliedrige Schulsystem überwunden werden müsse, bevor Inklusion überhaupt sinnvoll stattfinden kann.
Der Besuch in der Erich-Kästner-Schule hat die Fraktionsmitglieder nachhaltig beeindruckt. Sie wollen das Thema Inklusion in der parlamentarischen Arbeit vorantreiben und weiter den Austausch mit Experten wie den Lehrerinnen und Lehrern der Erich-Kästner-Schule suchen. Im Herbst soll beispielsweise ein Werkstattgespräch zum Thema Inklusion stattfinden.