Ich hoffe, ich bin diesmal etwas besser zu verstehen.
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!
DIE LINKE unterstützt den Antrag der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, einen sofortigen Abschiebestopp
für Flüchtlinge aus dem Iran zu verhängen. Darüber
hinaus fordern wir, dass Hessen auf der Innenministerkonferenz
auf einen bundesweiten Abschiebestopp
drängen soll. Ein Abschiebestopp der in Hessen lebenden
Iranerinnen und Iraner ist sinnvoll, weil die Eskalation
der Lage real besteht, z. B. im Februar zum 31. Jahrestag
des Sieges der islamischen Revolution. Diese Eskalation
wurde heute bereits mit der Exekution von zwei Oppositionellen
eingeleitet. Zusammen mit Hunderten von Menschen
wurden sie im Dezember während der Proteste gegen
die Regierung festgenommen. Elf Menschen wurden
dafür zum Tode verurteilt. Zwei davon verloren heute ihr Leben.
Die brutale Reaktion des Regimes auf die anhaltenden
Proteste reiht sich jedoch ein in die jahrelange Unterdrückung
progressiver gesellschaftlicher Kräfte. Die Verfolgung
der Studenten- und Frauenbewegungen, linker politischer
Akteure, die Verfolgung von Gewerkschafterinnen
und anderen aktiven Menschen, die um politische Meinungsfreiheit
und gesellschaftliche Betätigung im Iran
ringen, ist wesentliche Ursache für die erheblichen Spannungen
in der iranischen Gesellschaft.Wir sind mit diesen
Menschen und ihren Organisationen solidarisch.Wir wollen,
dass auch im Iran die Menschen- und Bürgerrechte
geachtet werden.
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Nach Ansicht der meisten UN-Menschenrechtsgremien
verstößt der Iran mit Todesstrafen für Verbrechen ohne
Todesfolge gegen internationale Abkommen, die auch
vom Iran selbst unterzeichnet wurden. In Schleswig-Holstein
raten die Behörden Iranern derzeit, wegen der aktuellen
Lage einen neuen Asylantrag zu stellen. In Rheinland-
Pfalz sprach sich Innenminister Bruch dafür aus, ausreisepflichtigen
Iranern vor einer zwangsweisen Rückführung
zunächst die Gelegenheit zu geben, ein Asyl- oder
Asylfolgeverfahren beim Bundesamt für Migration zu beantragen.
In Hamburg wird niemand, dessen Duldung
ausläuft, von der Hansestadt in den Iran zurückgeschickt.
In Hessen handelt es sich nun um ca. 300 Iranerinnen und
Iraner, die ohne Aufenthaltsberechtigung sind. Der Entscheidung
von Hamburg sollten wir uns dringend anschließen.
(Beifall bei der LINKEN und bei Abgeordneten
der SPD)
DIE LINKE fordert die Landesregierung auf, einen generellen
Abschiebestopp für mindestens sechs Monate zu
beschließen, genauer gesagt, so lange, wie die Aggression
gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten anhält,
wie das Demonstrationsrecht missachtet wird, wie verhaftete
Oppositionelle gefoltert werden, Homosexuellen die
Todesstrafe droht und Konvertiten und andere religiöse
Minderheiten Willkürakten auf allen Ebenen ausgesetzt sind.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir erinnern uns: Mit eindrücklichen Bildern dokumentierte
im letzten Sommer ein ZDF-Bericht bei „Frontal21“
den Fall eines jungen Iraners. Nach seiner Flucht
nach Deutschland über Griechenland wurde er im Rahmen
des Dublin-II-Verfahrens dorthin zurückgeschoben
und lebte dort über ein Jahr obdach- und mittellos. Im Juli
entschied das Frankfurter Verwaltungsgericht, seine
Rücküberstellung sei rechtswidrig, denn die Bearbeitung
seines Asylantrags könne in Griechenland nicht gewährleistet
werden. Das Verwaltungsgericht verpflichtete also
das Bundesamt für Migration, das Asylverfahren durchzuführen.
Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Der ZDFBericht
schildert sehr anschaulich die heuchlerische Haltung
deutscher Politiker, die etwa gegenüber dem Iran
lautstark die Menschenrechte einfordern und auf der anderen
Seite nichts für die Betroffenen tun, die nach
Deutschland flüchten konnten.
(Beifall bei der LINKEN)
Gehen wir nicht in diese Falle.Verhängen wir einen generellen
Abschiebestopp. Denn wenn zurzeit in Hessen über
600 Menschen von einer Abschiebung in den Iran bedroht
sind, dann bedarf es dringend einer generellen vorsorglichen
Regelung eines solchen Abschiebestopps.
(Beifall bei der LINKEN und bei Abgeordneten
der SPD)
Ein Abschiebestopp ist nicht nur konkrete Hilfe für möglicherweise
künftig betroffene Flüchtlinge, sondern auch
ein wichtiges Signal an die iranische Regierung. Das
wurde heute auch schon mehrfach gesagt.Von daher können
wir dem Antrag der GRÜNEN voll zustimmen.Wir
wollen einen generellen Abschiebestopp, keine Einzelfallentscheidung.
Deshalb können wir dem CDU-Antrag
nicht zustimmen und würden uns ebenfalls enthalten. Sie
haben unterhalb des generellen Abschiebestopps durchaus
die Bedingungen in Ihrem Antrag so gestellt, dass
man bei gutwilliger Prüfung jeden Einzelfall berücksichtigen
könnte. Daher jetzt meine Frage an CDU und FDP:
(Anhaltende Unruhe)
– Ich weiß nicht, wer mir hier noch zuhört. – Danke schön,
wunderbar. – Meine Frage an CDU und FDP:Wen würden
Sie eigentlich ausweisen – –
(Glockenzeichen des Präsidenten)
– Danke schön. – Meine Frage lautet – ich weiß nicht, ob
ich darauf noch eine Antwort bekommen könnte, aber ich
fände das sehr schön –:Wen würden Sie eigentlich bei einer
solchen Einzelfallüberprüfung, wie Sie sie vorschlagen,
ausweisen? – Ich kann mir eigentlich keinen denken.
– Danke schön.
(Beifall bei der LINKEN und bei Abgeordneten
der SPD)