Barbara Cárdenas-Alfonso (Linke): "Sie brechen Ihre Versprechen"

Nach Cárdenas-Alfonso gibt es Bedarf an mehr Erzieherstellen. Dass die Verbesserungen in den Kitas aufgeschoben werden, sei ein handfester Skandal.

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18.06.2009 Kindertagesstätten

Danke schön, Herr Präsident. –

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

Thema dieser Aktuellen

Stunde ist der Wortbruch der Regierung in Bezug auf die

Verbesserung der Situation in den Kindertagesstätten.

Konkret ist es jener bezüglich der Mindestvoraussetzungen.

Die Gruppenstärke soll nun zwar noch verringert

werden, jedoch erst bis zum 1. September 2012. Das ist

scheinbar eine große Überraschung, darüber hinaus aber

auch ein handfester Skandal. Mal ehrlich:Wen der Anwesenden

wundert derlei Geschehen eigentlich noch? – Ich

bin zwar erst ein Jahr hier im Landtag mit dabei, mich jedoch

wundert hier inzwischen eigentlich gar nichts mehr,

insbesondere dann, wenn es um Zusagen für progressive,

fortschrittliche, bessere linke Politik geht,

(Zuruf des Abg. Michael Boddenberg (CDU))

die kurz darauf wieder einkassiert werden, Herr Wintermeyer.

So läuft das Spiel mit der Macht, will mir nun einmal

scheinen. Man macht Versprechungen, kassiert Vertrauen,

Zustimmung und Sympathie, und dann, wenn man

sie bekommen hat, können die Versprechungen gebrochen

werden.Willkommen in der hessischen Landespolitik.

(Beifall bei der LINKEN)

Alle wissen – und auch Sie konstatieren das –, dass es einen

dringenden Bedarf an 6.000 bis 8.000 zusätzlichen Erzieherinnen

gibt.Wir haben einen konkreten gegenfinanzierten

Änderungsantrag zum Landeshaushalt gestellt,

umgehend 7.000 neue Erzieherinnenstellen zu schaffen.

Sie haben dies sowohl im Haushaltsausschuss als auch

gestern bei der Verabschiedung des Landeshaushalts abgelehnt

– wohlgemerkt:CDU, SPD, FDP und GRÜNE.

(Beifall bei der LINKEN)

Dass Sie diese Stellen nicht alle sofort besetzen könnten

und dass es eine Lücke von 5.000 Erzieherinnen gibt, ist

ebenfalls selbst verschuldet, indem Sie seit Jahren versäumen,

den Beruf attraktiver zu machen. Herr Bocklet hat

dazu auch bestimmte Vorschläge gebracht.

Doch nun zum Thema. In deutschen Kitas allgemein und

in hessischen im Besonderen gibt es zu wenig Personal,

um die in verschiedensten Bildungsplänen formulierten

Ziele umzusetzen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle

Studie „Wissenschaftliche Parameter zur Bestimmung

der Fachkraft-Kind-Relation“, die im letzten Monat

gemeinsam vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem

Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in

Deutschland und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

in Berlin vorgestellt wurde. Die Verbände warnen

darin vor einem Bildungs- und Erziehernotstand und

fordern Bund, Länder und Kommunen zu einer gemeinsamen

Qualitätsoffensive in den Kitas auf.

Auch die Fragen der Qualifizierung und Bezahlung pädagogischer

Fachkräfte dürften dabei nicht länger ausgeklammert

werden. Die Studie belegt, dass über die Qualitätsziele

länderübergreifend zwar weitgehend Konsens

bestehe, es sei jedoch an der Zeit, im Rahmen einer

bundesweiten Qualitätsoffensive endlich sicherzustellen,

dass diese Ziele auch in allen Kindertagesstätten umgesetzt

werden können.

Selbst der Familienminister, Herr Banzer, stellte in einer

Pressemitteilung am 10.06. fest:

In Verbindung mit der Tatsache, dass die Zusammensetzung

der Gruppen heutzutage viel

heterogener als früher ist und Kindertageseinrichtungen

oftmals auffangen müssen, was Kinder nur

noch ansatzweise von zu Hause mitbringen, sind

kleinere Gruppen und mehr Personal eine nahezu

zwingende Voraussetzung für eine gute Kinderbetreuung.

(Willi van Ooyen (DIE LINKE): Recht hat der

Mann!)

– Genau, recht hat er.

(Beifall bei der LINKEN)

Eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen in

den Kitas brauchen wir aber jetzt und nicht erst in einer

schrittweisen Anhebung bis 2012. Im Grunde ist es

schlichtweg ein Skandal, die Verbesserung der Rahmenbedingungen

aufzuschieben. Zwei Fachkräfte für eine

Kindergartengruppe sind das, was man in den Kitas

braucht, um eine sichere Betreuung aller Kinder überhaupt

gewährleisten zu können. Deshalb lautete unser

Haushaltsantrag: 210 Millionen für 7.000 Erzieherinnen

in einem ersten Schritt mit dem Ziel, zwei volle Fachkräfte

für Bildung und Betreuung in einer Gruppe von 20 Kindern.

(Beifall bei der LINKEN)

Sprechen Sie doch einmal mit den Erzieherinnen, die derzeit

zahlreich auf die Straße gehen, um auf ihre Situation

aufmerksam zu machen. Sie werden Ihnen sagen, dass sie

schon seit Jahren völlig überlastet sind mit der Umsetzung

von immer neuen Projekten und Förderprogrammen, die

Sie fleißig in die Kitas hineingeben, aber dennoch versuchen,

die ihnen anvertrauten Kinder zu bilden und individuell

zu fördern, so gut es geht. Sie werden Ihnen auch

von der hohen Verantwortung erzählen, die auf ihnen lastet;

denn wenn den Kindern etwas passiert, werden die Erzieherinnen

auch noch der Verletzung ihrer Aufsichtspflicht

beschuldigt – nicht die Politiker, die die schlechten

Rahmenbedingungen eigentlich zu verantworten haben.

Ich möchte Ihnen das an einem konkreten Beispiel aus

der Praxis deutlich machen, das mir von einer Erzieherin

erzählt worden ist.Viele Kinder kommen heute mit Windeln

in den Kindergarten. Das Wickeln ist Pädagogik und

keine Fließbandarbeit. Experten haben errechnet, dass

bei einer Kindergartengruppe mit fünf Wickelkindern –

das ist der reale Durchschnitt – bei zwei Wickeldurchgängen

à 10 Minuten am Vormittag eine Erzieherin schon fast

zwei Stunden alleine mit Wickeln beschäftigt ist. Bei zurzeit

noch 1,5 Fachkräften pro Gruppe können Sie sich ausrechnen,

wie oft die anderen 24 Kindern dieser Gruppe

sich selbst überlassen sind. Wie soll das anders gehen,

frage ich Sie.

Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, um den kühlen

Rechnern unter Ihnen, die meist nur damit beschäftigt

sind, auszurechnen, was der Einsatz von mehr Erzieherinnen

in den Kitas kosten würde, einmal eine andere, eine

an der Realität orientierte Bedarfsermittlung vorzurechnen.

Eine gute Pädagogik im Elementarbereich lässt sich

oft schlecht in Zahlen ausdrücken, aber sie ist eine wichtige

Grundlage für die späteren Bildungschancen unserer

Kinder.

Wer nun glaubt, diese Beispiele aus der Praxis seien überzogen,

der sei herzlich eingeladen, in den Kitas in Hessen

zu hospitieren und die Bedingungen vor Ort zu erleben.

Ich habe in den letzten Jahren viele Kita-Kolleginnen fortgebildet

und supervidiert, und ich weiß daher, wovon ich

spreche.Viele von Ihnen werden froh sein, aus den Kitas

wieder wegzukommen, weg von dem Lärm und von den

Belastungen, denen die Erzieherinnen täglich ausgeliefert

sind.

Wir als Partei DIE LINKE in Hessen fordern daher die

umgehende Einführung eines Kita-Gesetzes mit verbindlichen

Vorgaben zur Umsetzung von deutlich besseren

Rahmenbedingungen in den Kindertageseinrichtungen.

(Beifall bei der LINKEN)

Damit verbunden ist allerdings, wesentlich mehr Geld in

die Bildung in Hessen zu investieren, damit pädagogische

Berufe attraktiver werden. Gute Pädagogen und gute Bildung

gibt es nun einmal nicht im Sonderangebot. Im

gegenteiligen Fall – das meine ich ernst – sollte die Landesregierung

zumindest so mutig und so ehrlich sein, den

Bildungs- und Erziehungsplan auszusetzen. Er vermittelt

ein Bild, das in keiner einzigen Kita in Hessen auch nur

annähernd mit der Realität in Verbindung zu bringen ist.

Das wäre dann allerdings ein Quantensprung in den Minusbereich.

Das gebe ich zu. – Herzlichen Dank für Ihre

Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)