Nach Cárdenas-Alfonso gibt es Bedarf an mehr Erzieherstellen. Dass die Verbesserungen in den Kitas aufgeschoben werden, sei ein handfester Skandal.
Danke schön, Herr Präsident. –
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!
Thema dieser Aktuellen
Stunde ist der Wortbruch der Regierung in Bezug auf die
Verbesserung der Situation in den Kindertagesstätten.
Konkret ist es jener bezüglich der Mindestvoraussetzungen.
Die Gruppenstärke soll nun zwar noch verringert
werden, jedoch erst bis zum 1. September 2012. Das ist
scheinbar eine große Überraschung, darüber hinaus aber
auch ein handfester Skandal. Mal ehrlich:Wen der Anwesenden
wundert derlei Geschehen eigentlich noch? – Ich
bin zwar erst ein Jahr hier im Landtag mit dabei, mich jedoch
wundert hier inzwischen eigentlich gar nichts mehr,
insbesondere dann, wenn es um Zusagen für progressive,
fortschrittliche, bessere linke Politik geht,
(Zuruf des Abg. Michael Boddenberg (CDU))
die kurz darauf wieder einkassiert werden, Herr Wintermeyer.
So läuft das Spiel mit der Macht, will mir nun einmal
scheinen. Man macht Versprechungen, kassiert Vertrauen,
Zustimmung und Sympathie, und dann, wenn man
sie bekommen hat, können die Versprechungen gebrochen
werden.Willkommen in der hessischen Landespolitik.
(Beifall bei der LINKEN)
Alle wissen – und auch Sie konstatieren das –, dass es einen
dringenden Bedarf an 6.000 bis 8.000 zusätzlichen Erzieherinnen
gibt.Wir haben einen konkreten gegenfinanzierten
Änderungsantrag zum Landeshaushalt gestellt,
umgehend 7.000 neue Erzieherinnenstellen zu schaffen.
Sie haben dies sowohl im Haushaltsausschuss als auch
gestern bei der Verabschiedung des Landeshaushalts abgelehnt
– wohlgemerkt:CDU, SPD, FDP und GRÜNE.
(Beifall bei der LINKEN)
Dass Sie diese Stellen nicht alle sofort besetzen könnten
und dass es eine Lücke von 5.000 Erzieherinnen gibt, ist
ebenfalls selbst verschuldet, indem Sie seit Jahren versäumen,
den Beruf attraktiver zu machen. Herr Bocklet hat
dazu auch bestimmte Vorschläge gebracht.
Doch nun zum Thema. In deutschen Kitas allgemein und
in hessischen im Besonderen gibt es zu wenig Personal,
um die in verschiedensten Bildungsplänen formulierten
Ziele umzusetzen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle
Studie „Wissenschaftliche Parameter zur Bestimmung
der Fachkraft-Kind-Relation“, die im letzten Monat
gemeinsam vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem
Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in
Deutschland und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
in Berlin vorgestellt wurde. Die Verbände warnen
darin vor einem Bildungs- und Erziehernotstand und
fordern Bund, Länder und Kommunen zu einer gemeinsamen
Qualitätsoffensive in den Kitas auf.
Auch die Fragen der Qualifizierung und Bezahlung pädagogischer
Fachkräfte dürften dabei nicht länger ausgeklammert
werden. Die Studie belegt, dass über die Qualitätsziele
länderübergreifend zwar weitgehend Konsens
bestehe, es sei jedoch an der Zeit, im Rahmen einer
bundesweiten Qualitätsoffensive endlich sicherzustellen,
dass diese Ziele auch in allen Kindertagesstätten umgesetzt
werden können.
Selbst der Familienminister, Herr Banzer, stellte in einer
Pressemitteilung am 10.06. fest:
In Verbindung mit der Tatsache, dass die Zusammensetzung
der Gruppen heutzutage viel
heterogener als früher ist und Kindertageseinrichtungen
oftmals auffangen müssen, was Kinder nur
noch ansatzweise von zu Hause mitbringen, sind
kleinere Gruppen und mehr Personal eine nahezu
zwingende Voraussetzung für eine gute Kinderbetreuung.
(Willi van Ooyen (DIE LINKE): Recht hat der
Mann!)
– Genau, recht hat er.
(Beifall bei der LINKEN)
Eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen in
den Kitas brauchen wir aber jetzt und nicht erst in einer
schrittweisen Anhebung bis 2012. Im Grunde ist es
schlichtweg ein Skandal, die Verbesserung der Rahmenbedingungen
aufzuschieben. Zwei Fachkräfte für eine
Kindergartengruppe sind das, was man in den Kitas
braucht, um eine sichere Betreuung aller Kinder überhaupt
gewährleisten zu können. Deshalb lautete unser
Haushaltsantrag: 210 Millionen für 7.000 Erzieherinnen
in einem ersten Schritt mit dem Ziel, zwei volle Fachkräfte
für Bildung und Betreuung in einer Gruppe von 20 Kindern.
(Beifall bei der LINKEN)
Sprechen Sie doch einmal mit den Erzieherinnen, die derzeit
zahlreich auf die Straße gehen, um auf ihre Situation
aufmerksam zu machen. Sie werden Ihnen sagen, dass sie
schon seit Jahren völlig überlastet sind mit der Umsetzung
von immer neuen Projekten und Förderprogrammen, die
Sie fleißig in die Kitas hineingeben, aber dennoch versuchen,
die ihnen anvertrauten Kinder zu bilden und individuell
zu fördern, so gut es geht. Sie werden Ihnen auch
von der hohen Verantwortung erzählen, die auf ihnen lastet;
denn wenn den Kindern etwas passiert, werden die Erzieherinnen
auch noch der Verletzung ihrer Aufsichtspflicht
beschuldigt – nicht die Politiker, die die schlechten
Rahmenbedingungen eigentlich zu verantworten haben.
Ich möchte Ihnen das an einem konkreten Beispiel aus
der Praxis deutlich machen, das mir von einer Erzieherin
erzählt worden ist.Viele Kinder kommen heute mit Windeln
in den Kindergarten. Das Wickeln ist Pädagogik und
keine Fließbandarbeit. Experten haben errechnet, dass
bei einer Kindergartengruppe mit fünf Wickelkindern –
das ist der reale Durchschnitt – bei zwei Wickeldurchgängen
à 10 Minuten am Vormittag eine Erzieherin schon fast
zwei Stunden alleine mit Wickeln beschäftigt ist. Bei zurzeit
noch 1,5 Fachkräften pro Gruppe können Sie sich ausrechnen,
wie oft die anderen 24 Kindern dieser Gruppe
sich selbst überlassen sind. Wie soll das anders gehen,
frage ich Sie.
Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, um den kühlen
Rechnern unter Ihnen, die meist nur damit beschäftigt
sind, auszurechnen, was der Einsatz von mehr Erzieherinnen
in den Kitas kosten würde, einmal eine andere, eine
an der Realität orientierte Bedarfsermittlung vorzurechnen.
Eine gute Pädagogik im Elementarbereich lässt sich
oft schlecht in Zahlen ausdrücken, aber sie ist eine wichtige
Grundlage für die späteren Bildungschancen unserer
Kinder.
Wer nun glaubt, diese Beispiele aus der Praxis seien überzogen,
der sei herzlich eingeladen, in den Kitas in Hessen
zu hospitieren und die Bedingungen vor Ort zu erleben.
Ich habe in den letzten Jahren viele Kita-Kolleginnen fortgebildet
und supervidiert, und ich weiß daher, wovon ich
spreche.Viele von Ihnen werden froh sein, aus den Kitas
wieder wegzukommen, weg von dem Lärm und von den
Belastungen, denen die Erzieherinnen täglich ausgeliefert
sind.
Wir als Partei DIE LINKE in Hessen fordern daher die
umgehende Einführung eines Kita-Gesetzes mit verbindlichen
Vorgaben zur Umsetzung von deutlich besseren
Rahmenbedingungen in den Kindertageseinrichtungen.
(Beifall bei der LINKEN)
Damit verbunden ist allerdings, wesentlich mehr Geld in
die Bildung in Hessen zu investieren, damit pädagogische
Berufe attraktiver werden. Gute Pädagogen und gute Bildung
gibt es nun einmal nicht im Sonderangebot. Im
gegenteiligen Fall – das meine ich ernst – sollte die Landesregierung
zumindest so mutig und so ehrlich sein, den
Bildungs- und Erziehungsplan auszusetzen. Er vermittelt
ein Bild, das in keiner einzigen Kita in Hessen auch nur
annähernd mit der Realität in Verbindung zu bringen ist.
Das wäre dann allerdings ein Quantensprung in den Minusbereich.
Das gebe ich zu. – Herzlichen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der LINKEN)