18.06.2009 Bildungsstreik 2009 unterstützen!

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich nehme an, Sie alle haben wie ich gerade auf Ihren Laptops,

soweit sie eingeschaltet sind, die Seiten „www.bildungsstreik2009.

de“ oder „www.schulaction.org“ aufgeschlagen

und informieren sich über die vielfältigen Proteste,

an denen allein gestern 267.250 Menschen im ganzen

Bundesgebiet teilgenommen haben.

(Beifall bei der LINKEN – Peter Beuth (CDU): Sie

meinen die rechtswidrigen Aktionen?)

Herr Bouffier, dabei erfüllt das Netz natürlich eine wichtige

positive Funktion, indem es darüber informiert, auch

z. B. darüber, dass – –

(Peter Beuth (CDU): Erzählen Sie einmal, was alles

zerstört worden ist!)

– Kann ich bitte weiterreden? – Es wurde z.B. darüber informiert,

dass in Kirchhain Abmahnungen an Schüler ausgesprochen

wurden und dass sich ver.di jetzt für diese

Schüler einsetzt.Auch das habe ich durch das Netz erfahren.

Ich denke, das ist eine gute Sache.

(Peter Beuth (CDU): Eine gute Sache?)

Die gesamte Woche über gehen in einem bundesweiten

Bildungsstreik – –

(Peter Beuth (CDU): Die Besetzung eines Landesparlaments

in unserer Nachbarschaft ist eine gute

Sache? Herzlichen Glückwunsch! Ich finde es wirklich

spannend, was Sie von sich geben! Gewalt als

Mittel der Politik!)

– Lassen Sie mich doch bitte ausreden.

Vizepräsident Heinrich Heidel:

Herr Kollege Beuth, bitte.

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Die gesamte Woche über gehen in einem bundesweiten

Bildungsstreik Schülerinnen und Schüler, Studierende,

Lehrende und Eltern gemeinsam auf die Straße. Sie besetzen

Ministerien, Staatliche Schulämter, Landtage, Universitäten

(Peter Beuth (CDU): Nötigung! Ist das die Politik,

die Sie vertreten? Nötigung! – Gegenruf des Abg.

Willi van Ooyen (DIE LINKE): Natürlich! Das ist

nötig, Herr Beuth! – Peter Beuth (CDU): Die Antwort

der Straße! Das ist genau das, was Sie hier vertreten!

– Zuruf des Abg. Leif Blum (FDP))

und fordern die dort Verantwortlichen zum Gespräch auf,

mit dem Ziel, auf die katastrophale Bildungssituation aufmerksam

zu machen und die gemeinsamen Anliegen in

die Öffentlichkeit zu bringen.

(Beifall bei der LINKEN)

Die bisherigen Reaktionen der Verantwortlichen, der Bildungsmacher,

sind ebenso vielfältig. Viele solidarisieren

sich, unterschreiben gemeinsame Resolutionen

(Peter Beuth (CDU): Oder erzählen Märchen!)

und verstehen sich ebenso als Betroffene eines falsch gepolten,

weil auf Eliteförderung angelegten Systems. Manche

sperren Schülerinnen und Schüler ein, drohen ihnen

an, dass sie keine Zeugnisse bekämen, und rufen die Polizei

zur Hilfe.

Vizepräsident Heinrich Heidel:

Gestatten Sie eine Zwischenfrage, Frau Cárdenas?

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Nein, ich gestatte keine Zwischenfragen.

(Peter Beuth (CDU): Habe ich mir gedacht!)

Wir alle in diesem Landtag sollten die Proteste als richtig,

wichtig und legitim anerkennen und die Landesregierung

auffordern, sich die bildungspolitischen Ziele und Vorstellungen

der jungen Generation zu eigen zu machen.

Die Bildungsproteste und die sich anschließenden Forderungen

sind so vielfältig wie die Bedingungen, unter denen

an den Schulen – auch an den beruflichen Schulen –

und an den Universitäten gelernt und studiert wird. Ich

möchte hier noch einmal einige Kernforderungen der

bundesweiten Schülerinnen- und Schüler- sowie Studierendenbewegung

nennen: selbstbestimmtes Lernen und

Leben statt eines starren Zeitrahmens mit Leistungs- und

Konkurrenzdruck,

(Beifall bei der LINKEN)

freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen

Bildungsgebühren, wie etwa Studien-, Ausbildungs- und

Kita-Gebühren,

(Leif Blum (FDP):Aber hin und wieder können wir

schon ein Zeugnis verteilen?)

Herstellung der vollständigen Lernmittelfreiheit, Abschaffung

von sogenannten Kopierkostenpauschalen an

Schulen, ein Ende der Unterfinanzierung der staatlichen

Schulen und Hochschulen, eine öffentliche Finanzierung

des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft

unter anderem auf Lehrinhalte, Studienstrukturen und

Stellenvergaben

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Junge, Junge, das ist

Klassenkampf pur!)

– ich zitiere, Herr Irmer –, Demokratisierung und Stärkung

der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen

sowie eine Schule für alle, Schluss mit der sozialen

Selektion.

(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer

(CDU): Karl Marx lässt grüßen!)

Ich möchte die Forderungen an drei Punkten genauer beleuchten.

Die Proteste richten sich grundlegend gegen die

soziale Selektion in unserem Bildungssystem. Die

Bundesrepublik ist dafür mehrfach von höchster Stelle,

nämlich von den Vereinten Nationen, gerügt worden.

Gute Ganztagsschulen ohne starren Zeitrahmen, wie es

im Bildungsstreik gefordert wird, können der Benachteiligung

entgegenwirken. In wirklichen Ganztagsschulen

wird mit einem anderen Lernrhythmus und anderen

Lernmöglichkeiten gearbeitet. Solche Schulen haben eine

sinnvolle Verteilung des Unterrichts über den ganzen Tag,

mehr Angebote und mehr Räume. Die Schülerinnen und

Schüler echter Ganztagsschulen bleiben als Klassenverband

zusammen und kommen in der Regel am Nachmittag

ohne zusätzliche Hausaufgaben nach Hause.

In Hessen gibt es seit über zehn Jahren gerade einmal 15

echte Ganztagsschulen. Alle anderen Schulen, die diesen

Namen führen, bieten meist nur Mittagsbetreuungen an

und haben mit dem Konzept der Ganztagsschule wenig

gemein.

Herr Irmer hat in seiner gestrigen Pressemitteilung mit

dem Titel „Linksradikale instrumentalisieren unsere

Schüler“ – Herr Irmer, wieso eigentlich „unsere Schüler“?

– großspurig angegeben, in Hessen habe sich die Zahl der

Ganztagsangebote vervierfacht, und im Vergleich der Flächenländer

liege Hessen mit seinem Ganztagsangebot auf

Platz 1.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Richtig!)

Das ist absolut lächerlich. Herr Irmer, wem wollen Sie damit

Sand in die Augen streuen?

(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer

(CDU): Sie kennen die Realität nicht!)

Kommen Sie morgen mit mir auf den Römerberg zu den

Schülern der IGS Herder aus Frankfurt, und erklären sie

ihnen, warum die Schule keine gebundene Ganztagsschule

werden darf. Erklären Sie das bitte.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Kommunisten! –

Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE):

Herr Irmer, wir indoktrinieren nicht, wir überzeugen!)

Ein wichtiges Thema im Bildungsstreik ist immer wieder

G 8 als sozial selektiv wirkende Schulreform. Durch G 8

werden die Bildungswege unserer Kinder zusätzlich in

unterschiedlich weite und vor allem ungleiche Pfade ausdifferenziert.

Für alle ist und bleibt G 8 Stress. Aber Kinder

aus bildungsfernen und Kinder aus armen Familien,

die sich keine Nachhilfe leisten können, fallen weiter zurück.

Viele geben auf.

In den Gymnasien rumort es.Viele Jugendliche und ihre

Eltern wehren sich. Manche kooperativen Gesamtschulen

wollen auch höheren Klassen die Rückkehr zu G 9 ermöglichen,

selbst wenn einzelne Eltern bei G 8 bleiben

wollen. Dies wird ihnen verwehrt. Manche Eltern wollen

ihr Recht einklagen. Ich bin kein Prophet, wenn ich sage,

dieses Thema wird uns noch länger begleiten.

Immer wieder stehen die chronische Unterfinanzierung

und die daher scheinbar unumgängliche Hereinnahme

privaten Kapitals in das Bildungssystem im Mittelpunkt

der Proteste. Nach Angaben des Bildungsfinanzberichts

2008 liegt der Bundesdurchschnitt der öffentlichen Ausgaben

für Schulen und Hochschulen bei 4,1 % des Bruttoinlandsprodukts.

Hessen bildet mit einem BIP-Anteil

von 3,0 % das Schlusslicht aller Flächenländer.

(Peter Beuth (CDU):Was?)

Allein um den OECD-Mittelwert zu erreichen, müsste

Deutschland jährlich rund 21 Milliarden mehr bereitstellen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Das hat die GEW aufgeschrieben!

– Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen

(DIE LINKE): Nachgerechnet, Herr Irmer!)

Wenn die Bundesrepublik Deutschland mit den Spitzenreitern

der OECD gleichziehen wollte, wären sogar

91 Milliarden Euro jährlich erforderlich.

(Michael Boddenberg (CDU):Wo haben Sie denn

die Statistik entdeckt?)

– Das kann ich Ihnen später darlegen. – Tatsächlich ist in

Deutschland genug Geld vorhanden. Es ist nur, wie wir

immer sagen, falsch verteilt. Es wird auch aktuell falsch

verteilt.

(Michael Boddenberg (CDU): Mein Gott! – Leif

Blum (FDP): Euch ist kein Thema zu schade, um

auf die Umverteilung zu kommen! Es ist egal, worüber

debattiert wird!)

Im Gegenzug zieht sich der Staat zunehmend aus seiner

Verantwortung für die Bildung und deren Qualität zurück.

(Zurufe von der CDU)

– Ich rede über die Forderungen, die im Rahmen des Bildungsstreiks

formuliert worden sind. Sie können sie gern

nachlesen.

(Zurufe von der CDU)

An die Stelle des Staates treten mehr und mehr private

Stiftungen, Testanbieter, Zertifizierungsinstitute, Ratingoder

Akkreditierungsagenturen.

(Michael Boddenberg (CDU): Haben Sie etwas gegen

Stiftungen?)

In den USA sponsern bereits Fastfoodkonzerne Schulbücher.

Natürlich reden sie bei den Inhalten auch gehörig

mit. Diese Form der Refeudalisierung findet zunehmend

auch hierzulande statt und wird von den Gewerkschaften

angeprangert.

(Beifall bei der LINKEN)

Hessen bleibt also bildungspolitisch insolvent, und die

Regierungsfraktionen arbeiten bereits an der Legitimation,

dies auch so belassen zu können. Ein Argumentationsstrang

ist der Hinweis auf die sogenannte selbstständige

Schule, was eine wohlklingende Umschreibung dafür

ist, dass Schulen fortan wie Unternehmen geführt werden

sollen, bei weiterhin anhaltender Unterfinanzierung aber

für das Nichterreichen sogenannter Zielvereinbarungen

bestraft und sogar geschlossen werden können.

Ein weiteres Ziel ist, den Anteil der Privatschulen zu vergrößern.

Die Vorstellung ist hier in etwa folgende: Der

Markt wird alles regeln; das ist zwar ungerecht, geht uns

aber nichts mehr an.

(Michael Boddenberg (CDU): Das ist ungeheuerlich!)

Das Thema hatten wir schon gestern im Zusammenhang

mit der Gerechtigkeit bzw. der Ungerechtigkeit. Also

fährt man eben die öffentliche Bildungspolitik zurück und

übergibt die Verantwortung für das Bildungssystem der

„unsichtbaren Hand“, wie Adam Smith es nannte.

(Zuruf von der FDP: Haben Sie etwas gegen Waldorfschulen?)

Damit werden die Eltern begünstigt, die sich die teuren

Schulgelder leisten können. Ein Beispiel ist die Grundschule

Phorms, der am 19. Juli 2007 die Ersatzschulgenehmigung

erteilt wurde und die daher ab 2010 rückwirkend

staatliche Finanzhilfen erhalten wird, obwohl sie entgegen

dem in Art. 7 Abs. 4 Grundgesetz klar geforderten

Sonderungsverbot Schulgelder in Höhe von 230 bis 999 Euro

pro Monat erhebt. Dies kann kein Hartz-IV-Empfänger

bezahlen, und damit ist eine Sonderung gegeben.

Privatschulen machen wichtige Angebote, z. B. Nachmittagsunterricht,

Hausaufgabenbetreuung, bilingualen

Unterricht, kleine Klassen, Theaterprojekte usw. Natürlich

ist das attraktiv, und die Privatschulen boomen.Komplementär

werden die staatlichen Schulen vernachlässigt,

ja regelrecht kaputtgespart, auch wenn manche Schüler

seit Neuestem in frisch renovierten Räumen sitzen dürfen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): So etwas Dümmliches!

Einfach nur falsch und dumm! – Gegenruf des

Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE): Das ist exakt

so! – Unruhe)

Vizepräsident Heinrich Heidel:

Frau Cárdenas, Sie haben das Wort.

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Ich fasse zusammen: Den protestierenden jungen Menschen

kann nur recht gegeben werden. Die Zustände, insbesondere

in Hessen, sind eigentlich keinen Tag länger

hinnehmbar.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir im Landtag sind eigentlich die Adressaten dieser Proteste.

Wir sollten sie ernst nehmen, statt sie zu kriminalisieren

oder den jungen Leuten zu unterstellen, sie seien

extremistisch gesteuert.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Na klar sind sie das! –

Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE):

Aufgeklärt sind sie!)

Ich will noch kurz etwas zu den Anträgen der anderen

Fraktionen sagen, die nach Anlaufen der Proteste eingereicht

worden sind. Dem Antrag der SPD ist vollends zuzustimmen,

insbesondere in seiner deutlichen und notwendigen

Kritik an dem Antrag von CDU und FDP, einem

dreisten Antrag, in dem man die Bildungsproteste als

antidemokratische Veranstaltung zu delegitimieren versucht

und damit hilflos und ideologisch verbrämt auf

breite, berechtigte, demokratische Proteste reagiert.

(Beifall bei der LINKEN)

Vizepräsident Heinrich Heidel:

Frau Cárdenas, die vereinbarte Redezeit ist abgelaufen.

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Letzter Satz. – Ebenso verhält es sich mit dem Antrag der

GRÜNEN. Den Antrag der GRÜNEN würden wir ebenfalls

unterstützen, auch wenn er wichtige Forderungen der

Bildungsstreikenden, wie die Überwindung des dreigliedrigen

Schulsystems, wahrscheinlich aus guten Gründen

nicht übernehmen will. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer

(CDU):Aus guten Gründen, das stimmt!)

Vizepräsident Heinrich Heidel:

Schönen Dank, Frau Cárdenas. – Zu einer Kurzintervention

hat Herr Kollege Beuth das Wort.

(Michael Boddenberg (CDU): Jetzt bin ich auf die

Antwort gespannt! Sie können gleich dableiben! Es

wird nicht lange dauern!)

 

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Sie wissen, dass ich eben abgelesen habe. Ich lese diesen

inkriminierten Satz noch einmal vor:

Die gesamte Woche über gehen in einem bundesweiten

Bildungsstreik Schülerinnen und Schüler,

Studierende, Lehrende und Eltern gemeinsam auf

die Straße. Sie besetzen Ministerien, Staatliche

Schulämter, Landtage, Universitäten und fordern

die dort Verantwortlichen zum Gespräch auf, mit

dem Ziel, auf die katastrophale Bildungssituation

aufmerksam zu machen und die gemeinsamen

Ziele in die Öffentlichkeit zu bringen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Eine Besetzung ist

doch nicht friedlich!)

Ich habe nicht zu Gewalt aufgerufen.

(Lebhafter Widerspruch bei der CDU)

Vizepräsidentin Sarah Sorge:

Meine Damen und Herren, Frau Cárdenas hat das Wort. –

Frau Cárdenas, bitte.

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Wir bleiben solidarisch mit den Menschen, die hier streiken.

Wir können ihre Ziele und Beweggründe verstehen,

und wir werden auch weiter solidarisch bleiben.

(Peter Beuth (CDU): Besetzung ist Nötigung, Frau

Kollegin! – Hans-Jürgen Irmer (CDU): Unglaublich,

so was! So etwas in unserem Landtag! – Fortgesetzte

Zurufe von der CDU)