Cárdenas kritisiert Henzler scharf. Deren selbstständige Schulen seien sich selbst überlassen. Das Konzept der Kultusministerin werde auf Dauer dazu führen, dass Schulen wie Betriebe gemanagt werden.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, sehr geehrte Frau Ministerin Henzler!
Ich werde erst zur Regierungserklärung
sprechen und dann auf den Antrag der SPD eingehen.
Frau Ministerin Henzler, Sie versprechen den Schulen in
Ihrer Regierungserklärung zur selbstständigen Schule
Ruhe und Verlässlichkeit. Ich komme mir vor wie bei
Adenauers erhobenem Zeigefinger: keine Experimente,
Ruhe als erste Bürgerpflicht. Leiden Sie eigentlich unter
Realitätsverlust?
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Haben Sie etwas gegen
Adenauer?)
Wir LINKE wissen, was auch die Bildungsstreiks sowie
die Proteste der Lehrerschaft und der Elternschaft der
letzten Monate gezeigt haben: Angesichts aller verheerenden
Ergebnisse der internationalen und nationalen
Studien der letzten Jahre, des Wissens um die Ineffizienz
und Ungerechtigkeit unseres Schulsystems brauchen wir
einen Aufbruch, eine Umkehr, einen neuen Anfang und
nicht einfach ein „Weiter so“.
(Beifall bei der LINKEN)
Zunächst zu Ihren Erfolgsmeldungen. Frau Henzler, ich
will mit Ihnen nicht über Zahlen streiten und glaube Ihnen,
dass Sie persönlich davon überzeugt sind, dass Sie
den Schulen nur Gutes tun, dass Sie für bessere Rahmenbedingungen
gesorgt haben, dass es den hessischen Schulen
noch nie so gut ging wie heute. Im Vergleich zu den
letzten Jahren der CDU-Alleinregierung mögen Sie recht
haben. Nur, es reicht doch trotzdem hinten und vorne
nicht.
Ob man die strukturelle Unterfinanzierung im Bildungsbereich
akzeptiert oder – wie in den skandinavischen Ländern
– dem Bildungsbereich einen anständigen Anteil am
Bruttoinlandsprodukt – in Höhe von 6, 7 oder 8 % – zur
Verfügung stellt, ist eine ganz entscheidende Frage für die
Qualität der Bildung. Hessen lag 2006 mit 3 % Anteil am
BIP immer noch weit unter dem Anteil Deutschlands mit
4,1 % insgesamt. Schauen wir mal, wie sich das 2009 darstellt,
wie hoch dann der Anteil sein wird.
Wir haben in den letzten zwei Jahren immer wieder sehr
ausführlich unsere Forderungen für notwendige Rahmenbedingungen
dargestellt – dafür bin ich in diesem Hause
regelmäßig belächelt worden –, die eine gute Pädagogik
erst möglich machen, die tatsächlich eine individuelle Beurteilung
und Förderung der Schülerinnen und Schüler
zulassen, ohne den dadurch zusätzlich notwendigen Arbeitsaufwand
auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer
auszutragen. Abiturientinnen und Abiturienten, die
überlegen, den Lehrerberuf zu ergreifen, sind abgeschreckt
von den Schilderungen angehender Lehrer; das
zeigt sich auch in den Bewerbungen für die Lehramtsstudiengänge.
Ich weiß, Sie wollen die Warnungen der Lehrergewerkschaft
GEW nicht hören, ich führe sie trotzdem noch einmal
an:Aus Sicht der GEW, die wir teilen, ist selbst eine
105-prozentige Abdeckung – wenn sie bis Ende der Legislaturperiode
erreicht würde – nicht ausreichend; denn
es besteht allein ein Zusatzbedarf von 5 % für Vertretungen.
Wie soll dann mit 100 %, geschweige denn den 96 %,
die momentan als real erreicht gelten, noch ein individuell
zugeschnittener und an Vorstellungen von Inklusion
orientierter Unterricht, wie sollen aber auch die vermehrten
Auflagen wie Lernstands- und andere Erhebungen,
Vergleichsarbeiten, Zielvereinbarungen, Inspektionen,
Zertifizierungen, Rankings, Teaching-to-the-Test usw.
funktionieren?
Sie selbst haben in Ihrer Regierungserklärung von den
drei Schwächen der hessischen Schulen gesprochen, die
sich bei den Schulinspektionen gezeigt haben. Dazu gehören
die individuelle Förderung und die interne Evaluation.
Beides – das wissen Sie – sind sehr arbeitsintensive
Aufgaben, die eine gut ausgebildete, gut vorbereitete und
gut kooperierende Lehrerschaft erfordern. Beides werden
Sie selbst mit einem besseren Management der Schulleitung
nicht nach vorne bringen können, und das wissen
Sie. Diese Schwächen werden Sie weiter mitschleppen,
wenn es keine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen
gibt. Und da es sie nicht geben wird, sind Ihre
selbstständigen Schulen in erster Linie sich selbst überlassene
Schulen.
(Beifall bei der LINKEN)
Diese sich selbst überlassenen Schulen müssen die verfehlte
Politik Ihrer Landesregierung ausbaden.Wir haben
immer vor Ihrer Art selbstständiger Schule gewarnt. Die
Schulen werden dahin gehend selbstständig gemacht, dass
sie ihre weiterhin gegebene finanzielle Unterversorgung
und die daraus resultierenden Mängel selbst beseitigen
sollen oder – wenn das nicht geht – wenigstens selbst verwalten
dürfen.
Die FDP arbeitet ein weiteres Mal mit dem in der Politik
so beliebten Mittel der Neubelegung von vorher positiv
konnotierten Begriffen: Wer hat schon etwas gegen
Selbstständigkeit, vor allem im Zusammenhang mit dem
Begriff Schule, die den Auftrag hat, unsere Kinder zur
Selbstständigkeit zu erziehen? Sie aber meinen die Politik
des Neoliberalismus, der Deregulierung. Sie wollen
Schule deregulieren, zunehmend aus der staatlichen Verantwortung
holen und mit privaten Partnern versehen, die
von Ihren neuen „Führungspersönlichkeiten“ – Zitat –,
also den Schulleiterinnen und Schulleitern, akquiriert
werden.Wahrscheinlich werden eher bestimmte Schulen
von privaten Partnern akquiriert. Dabei werden Schulen
in guten Wohnvierteln natürlich andere Erfolgschancen
haben als z.B. die Sterntalerschule in meiner Heimatstadt
Dietzenbach, die Sie, Frau Henzler, kürzlich besucht haben,
in der über 90 % der Schülerinnen und Schüler einen
Migrationshintergrund haben.
Das ist kein guter, sondern ein gefährlicher Weg.Wir wollen
nicht, Frau Henzler, dass Schulen demnächst wie Betriebe
geführt werden, dass mit der Bildung ein Geschäft
gemacht werden kann, dass bürokratische und verwaltungstechnische
Effizienz zum zentralen Kriterium für
eine gute Schule wird.
(Beifall bei der LINKEN)
Ich befürchte, dass es hier so gehen wird wie mit vielen
Public-Private-Partnership-Projekten, bei denen die
Kommunen erst auf den neoliberalen Schmu mit den starken
privaten Partnern hereingefallen sind, sich und ihren
Bürgerinnen und Bürgern damit Wünsche erfüllt oder
auch nur längst überfällige Aufgaben angepackt haben,
die wegen der Finanzknappheit der Kommunen liegen geblieben
waren, und jetzt mühsam den Weg der Rekommunalisierung
gehen, um die Abhängigkeit und Fesselung
über 20 Jahre und länger, die dann insgesamt viel teurer
kommt, zu beenden. Die Privatisierung der Hochschulen
ist bereits in vollem Gange, und es scheint, Sie wollten
jetzt auch die Schulen entsprechend freisetzen.
Unseres Erachtens wollen Sie mit Ihrer Stabsstelle Selbstständige
Schule/SV+ und Ihrer neuen Abteilung Z mit
den beiden Unterabteilungen zur neuen Verwaltungssteuerung
die Schulen genau auf diese Schiene der Verbetriebswirtschaftlichung
und Privatisierung setzen.
Sie wollen staatliche Aufgaben zunehmend auf private
Partner übertragen. – Überzeugen Sie mich vom Gegenteil.
Und: Haben Sie Ihren Koalitionspartner sowie
die einzelnen Abgeordneten der konservativen – was ja
auch „bewahrend“ heißt – und staatstragenden CDU eigentlich
bereits davon überzeugt, dass unsere Befürchtungen
unberechtigt sind, dass Sie auch langfristig nicht auf
einen Ausverkauf der öffentlichen Schullandschaft aus
sind?
Ich möchte Ihnen gern sagen, wie nach unserer Meinung
Selbstständigkeit der Schulen aussehen sollte:
Wir Psychologen wissen seit Langem, dass nur die individuelle
Engagiertheit beim Lernen – das ist inzwischen
nachgewiesen bereits für die ganz Kleinen unter drei Jahren
– zu nachhaltigen Lernerfolgen führt.Also müssen Pädagogen
individuelle, selbstständige Lernprozesse initiieren;
sie müssen die Kinder dort abholen, wo sie sich befinden.
Das heißt, dass sie z. B. ein mehrsprachiges Diplomatenkind,
das gleich mit zwei oder mehr Sprachen aufgewachsen
ist, anders abholen müssen als ein Kind marokkanischer
Eltern aus dem Rifgebirge, die gebenenfalls
selbst nur drei Jahre in Marokko in arabischer Sprache
und Schriftsprache alphabetisiert wurden und auch in ihrer
Umgebung selten ein gutes Deutsch vernehmen können.
Ein solches Kind kommt mit drei oder vier Jahren in
den Kindergarten und versteht und spricht Deutsch,wenn
überhaupt, nur in Schlagwörtern; es versteht nämlich das
System der deutschen Sprache nicht. Diesen Kindergarten
besuchen wegen des richtigen Prinzips der Wohnortnähe
der Grundschulen wiederum vor allem Kinder mit
Migrationshintergrund.
In meinem Wahlkreis, im Kreis Offenbach, aber auch im
Main-Kinzig-Kreis, gibt es eine Reihe von Schulen, die zu
über 90 %, bis 98 %, von Kindern mit Migrationshintergrund
besucht werden. Die Sterntalerschule in Dietzenbach
gehört dazu. Diesen vielschichtigen Herausforderungen
müssen die Schulen demnächst unbedingt besser
begegnen können – aber nicht, indem sie von Managern
geführt werden, sondern indem die Schulen tatsächlich
Unterstützung bekommen, angesichts der Herausforderungen
von Sprachförderung, Integration, Inklusion und
Aufbau eines Ganztagsschulsystems unter den oftmals
sehr schwierigen Bedingungen an den Schulen, gerade
auch in sozial schwachen oder konfliktbehafteten Stadtteilen,
wie z. B. im Landkreis Offenbach.
Die Schulen kennen sehr genau ihre Probleme, und sie
können sehr genau ihre Bedarfe definieren – sei es das
Etablieren von Schulsozialarbeit, eine Chance, echte,
rhythmisierte Ganztagsschule zu werden, mit integrierter,
von Lehrern verantworteter Hausaufgabenbetreuung,
bilingualen Unterricht einzuführen, Mediation bzw.
Streitschlichterprogramme zu etablieren, etc. Die Schulgemeinschaften
kennen ihre Schwächen und ihre Stärken,
und sie kennen ihre Elternschaft, ihre Lehrerschaft, ihr
Gemeinwesen.Was liegt da näher, als eigene, neue Wege
anzusteuern, sich von demokratischen Gremien wie
Schulkonferenz und Gesamtkonferenz beauftragen zu
lassen, um die von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und
Schulleitung gemeinsam erkannten Ziele anzusteuern?
(Beifall bei der LINKEN)
Das wäre unseres Erachtens der richtige Weg.Aber genau
da wird plötzlich der Riegel vorgeschoben, bleibt Schule
nämlich unselbstständig:
Geschehen an den Gesamtschulen, die mit einem Mehrheitsvotum
der Eltern wieder zu G 9 zurückkehren wollten oder als große Schulen auch G 8 und G 9 parallel anbieten
wollten, damit die Mehrheit aller Eltern, die ein
Zurück zu G 9 wollen, die sich auch nie aktiv für G 8 entschieden
hatten, ebenfalls eine Option bekommen sollte.
Selbstständige Schule? – Nein, so selbstständig bitte auch
wieder nicht.
Geschehen auch an der Kerschensteinerschule in Frankfurt,
die meines Wissens jahrgangsübergreifenden Unterricht
und Verzicht auf Notengebung anbieten wollte.Auch
da: Diese Form von Selbstständigkeit wollen wir nicht.
Geschehen an den Schulen, die schon vor Jahren gleich
gebundene Ganztagsschulen werden wollten, weil sie dieses
Konzept für ihre Klientel am sinnvollsten fanden. Die
Beratung durch die Schulämter ging dahin, maximal die
offene Form zu wählen, am besten aber dem Mainstream
zu folgen, der ein langsames Wachsen aller Schulen hin zu
einer Übermittagsbetreuung als der billigsten und mit
dem Familienbild der CDU am ehesten zu vereinbarenden
Form von Ganztagsbetreuung vorsah. In grauer
Zukunft, auch Sankt-Nimmerleins-Tag genannt, hätte
dann die gebundene Form der Ganztagsschule kommen
sollen,
(Abg. Dirk Landau (CDU) spricht mit Kultusministerin
Dorothea Henzler. – Janine Wissler (DIE
LINKE):Vielleicht kann die Ministerin zuhören!)
Vizepräsident Lothar Quanz:
Ich bitte, die Gespräche zu der Regierungsbank zu unterlassen.
Die Rednerin fühlt sich gestört. Herr Landau, bitte.
Barbara Cárdenas (DIE LINKE):
die hier in Hessen – und nur hier – von politisch interessierter
Seite schon früh mit Vorstellungen wie „Fesselung“
und „Zwang“ verbunden worden war und deshalb
jetzt von Befürwortern lieber als rhythmisierte oder echte
Ganztagsschule bezeichnet wird.
Wie gesagt, diese Anträge auf Ganztagsschulen in gebundener
Form mussten jährlich erneuert werden. Statt die
Schulen, die diese Anträge selbstständig gestellt hatten,
ernst zu nehmen, wurden sie dahin gehend beraten, von
diesem Vorhaben Abstand zu nehmen und lieber erst einmal
kleine Brötchen zu backen.
Frau Henzler, ist dies Ihr Verständnis von „Selbstständigkeit“?
Eine wirkliche Entscheidungsfreiheit ist nicht gewünscht,
so müssen wir feststellen.
Nach unserer Auffassung – damit komme ich zu unserem
Gegenkonzept – muss Selbstständigkeit, muss selbstständiges
Handeln einer Schule generell verbunden werden
mit einer demokratisch legitimierten Entscheidung der
gesamten Schulgemeinde.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Boddenberg
(CDU): Genau, jeden zweiten Abend Elternabend,
und zwar in voller Besetzung!)
Die Lehrergewerkschaft GEW spricht in diesem Zusammenhang
von einer demokratisch verfassten Schule.
Nicht nur das, sie muss immer auch eingebunden sein in
eine gemeinsame regionale Planung, um Benachteiligungen
einzelner Schulen auszugleichen.
(Michael Boddenberg (CDU): Einer volkseigenen
Schule!)
Das heißt, wir brauchen eine regionale Steuerung, statt
die einzelnen Schulen in eine Konkurrenz untereinander
um knappe Ressourcen zu bringen.Wir brauchen auf allen
Ebenen zwischen den Schulen und innerhalb der
Schulen mehr Kooperation statt Wettbewerb, mehr Teamteaching
statt interner Rankings. Schulaufsicht soll sich
gegenüber den Schulen als Unterstützungssystem präsentieren
und nicht mehr als Kontrollinstanz. Schulleiterinnen
und Schulleiter sollen ihre Schulen weiterhin kollegial
und mit pädagogischem Blick leiten, statt zu Managern
zu mutieren, ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer
sich in ihrer Rolle als Unterstützer,Anreger und Begleiter
von Lernprozessen verstehen sollen denn als Unterrichtsbeamte.
Die gesamte Schulgemeinde von Lehrerschaft,
Schüler- und Elternschaft darf nicht entmündigt werden,
sondern muss im Gegenteil ermuntert werden, an der
Gestaltung von Schule aktiv mitzutun und die Mitwirkungsrechte
zu nutzen und gegebenenfalls auch auszuweiten.
(Beifall bei der LINKEN)
Ich möchte nicht, dass es demnächst statt „Bildung ist ein
Menschenrecht“ heißt: Bildung ist teuer, Bildung ist käuflich,
und Bildung zu kaufen ist ein Kundenrecht.
Frau Henzler, ich bin enttäuscht. Ich hätte es angemessener
gefunden, dem Thema Inklusion eine Regierungserklärung
zu widmen. Ich kann verstehen, dass Sie ein einzelnes
Thema in den Vordergrund gestellt haben. Aber es
hätte nicht das Thema selbstständige Schule, sondern das
Thema Inklusion sein sollen, angesichts der Herausforderungen,
vor denen wir stehen.
Wo respektieren Sie die selbstständige Entscheidung der
Eltern, ihr behindertes Kind gemeinsam mit anderen in
der Regelschule unterrichten zu lassen? Wo bleibt die Gewährleistung
der Chancengleichheit für behinderte Menschen?
Wann rüsten Sie die Regelschulen dahin gehend
aus, damit ein gemeinsamer Unterricht für alle umgesetzt
werden kann? Wann erhält die Inklusion ihren Stellenwert
in der normalen Ausbildung sowie in der Fort- und
Weiterbildung der Lehrkräfte?
Die Kitas haben sich bereits seit Jahren selbstständig auf
den Weg der Inklusion gemacht. Die Kommunen sind
schon weiter als diese Landesregierung. Inklusion zielt
nicht nur auf behinderte und von Behinderung bedrohte
Kinder ab; sie umfasst auch leseschwache und rechenschwache
Kinder sowie Kinder, die sich nicht konzentrieren
oder ausreichend sozial anpassen können. Ebenso
umfasst Inklusion Kinder aus sozial schwachen Familien,
aus bildungsfernen Familien, Kinder mit anderem kulturellen
Hintergrund, mit einer anderen Muttersprache.
Dazu zählen auch Kinder von Alleinerziehenden, die
ganztags arbeiten gehen müssen. Kurzum, sie zielt besonders
auf Kinder ab, die in der Familie kein ausreichend
anregungsreiches Lernmilieu haben, keine qualitativ ausreichende
Lernunterstützung bekommen oder schlicht
zeitlich nicht ausreichend betreut und unterstützt werden
können.
Das, meine ich, wäre eine Herausforderung gewesen, derer
Sie sich in einer Regierungserklärung hätten annehmen
sollen. Damit wären Sie Ihrem Ziel und dem von
Herrn Koch, Hessen zum Bildungsland Nummer eins zu
machen, tatsächlich ein Stück nähergekommen – schließlich
ist das Urteil des UN-Kommissars Señor Muñoz, dass
Deutschland die Bildungschancen ungerecht verteilt,
noch lange nicht vergessen.
Diese Herausforderung, ein „inklusives Bildungssystem
auf allen Ebenen“ zu verwirklichen, wie es in der von
Deutschland kürzlich ratifizierten UN-Behindertenkonvention
heißt, hätte eine eigene Stabsstelle gebraucht, die
an entsprechenden Umsetzungen in Schulgesetz und Lehrerbildungsgesetz
arbeitet, mit einer Unterabteilung, die
die Schulen dabei berät, wie sie ab diesem oder dem kommenden
Schuljahr Inklusion umsetzen können. Diese
Stabsstelle, diese Unterkommission hätten wir gut gebrauchen
können.
(Beifall bei der LINKEN)
Stattdessen tolerieren Sie weiterhin, dass die frühe Selektion
von der Förderschule bis zum Gymnasium zementiert
wird; denn Sie sind schließlich beschäftigt. Sie bereiten
gerade den Ausverkauf des öffentlichen Schulsystems
vor.
Damit komme ich zum SPD-Antrag.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Ich dachte, zum
Schluss!)
Er geht über die Regierungserklärung hinaus und mahnt
richtige und wichtige Punkte an, indem er die Landesregierung
auffordert, Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit
in den Mittelpunkt ihres bildungspolitischen
Handelns zu stellen.An vielen Stellen ist der Antrag allerdings
unseres Erachtens nicht ausreichend spezifiziert
worden und geht über eine Absichtserklärung nicht hinaus.
Punkt 1 ist eine längst überfällige Aufgabe. Die Rahmenvereinbarung
zwischen dem Land und den Kommunalen
Spitzenverbänden ist ein guter Vorschlag. Punkt 2 ist
ebenfalls zu unterstützen.
Ebenfalls unterstützen wir die Einrichtung von Schuleingangsstufen
in Punkt 3. Allerdings bedeutet jahrgangsübergreifendes
Unterrichten neue Kooperationsbeziehungen
zwischen den Lehrern. Ich halte es für notwendig,
diesen Prozess zu begleiten und die Erfahrungen aus den
Modellversuchen entsprechend einzubeziehen.
Zum Thema echte Ganztagsschulen habe ich bereits einiges
ausgeführt. Den Anspruch auf einen wohnortnahen
Platz in einer echten Ganztagsschule und ein kostenloses
Mittagessen befürworten wir natürlich.Wir hatten selbst
schon einen Antrag dazu eingebracht.
Punkt 5 muss unbedingt spezifiziert werden, um operationalisierbar
zu sein.Wir schlagen vor, diesen Punkt herauszunehmen
und dazu eine Anhörung zu machen. Dazu gehört
ebenfalls Punkt 6, der natürlich richtig und wichtig
ist. Die weiterführenden Schulen haben ihre Verantwortung
bisher in keiner Weise wahrgenommen.
Der Sozialindex in Punkt 7 ist eine alte Forderung, und
seine Einführung ist meines Wissens bereits von der Landesregierung
zugesagt worden. Ich wüsste dazu gerne Genaueres
von Frau Henzler.
Die Punkte 8 und 9 betreffen die Aus- und Weiterbildung.
Der Vorschlag, in dualen Ausbildungsberufen, in denen
kein auswahlfähiges Angebot besteht, vollschulische Ausbildungsgänge
anzubieten, ist richtig, aber nicht ausreichend.
Zum Prinzip der Modularisierung müsste ebenfalls
ausführlicher Stellung genommen werden.
Punkt 10, das kostenlose Studium, wird von uns natürlich
unterstützt. Punkt 11 wird von uns abgelehnt. Unseres Erachtens
muss es andere Möglichkeiten geben, einen sogenannten
positiven Wettbewerb der Länder um die Studierwilligen.
Sie wissen, dass wir die Bildung Marktgesetzen
nicht unterwerfen wollen.
Von daher besteht intensiver Diskussionsbedarf. Wir
möchten vorschlagen, den Antrag dem Ausschuss zu überweisen.
(Beifall bei der LINKEN)
Herr Präsident, meine Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Ministerin Henzler,
ich werde erst zur Regierungserklärung sprechen, dann auf den Antrag der SPD eingehen. Frau Ministerin Henzler, Sie versprechen den Schulen in Ihrer Regierungserklärung zur Selbständigen Schule Ruhe und Verlässlichkeit, ich komme mir vor wie bei Adenauers erhobenem Zeigefinger: Keine Experimente! Ruhe als erste Bürgerpflicht! Leiden Sie unter Realitätsverlust? Wir als LINKE wissen, was auch die Bildungsstreiks und die Proteste der Lehrerschaft und der Elternschaft der letzten Monate gezeigt haben: Was wir brauchen angesichts aller verheerender Ergebnisse der internationalen und nationalen Studien der letzten Jahre, des Wissens um die Ineffizienz und Ungerechtigkeit unseres Schulsystems, was wir brauchen ist doch ein Aufbruch, eine Umkehr, ein neuer Anfang und nicht ein WEITER SO!
Zunächst zu Ihren Erfolgsmeldungen:
Frau Henzler, ich werde mit Ihnen nicht über Zahlen streiten, ich glaube Ihnen sogar tatsächlich, dass Sie persönlich davon überzeugt sind, dass sie den Schulen nur Gutes tun, dass Sie für bessere Rahmenbedingungen gesorgt haben, dass es den hessischen Schulen noch nie so gut ging wie heute. Da mögen Sie sogar im Vergleich zu den letzten Jahren der CDU-Alleinregierung Recht haben, nur: Es reicht doch trotzdem hinten und vorne nicht!! Ob man die strukturelle Unterfinanzierung im Bildungsbereich akzeptiert oder – wie in den skandinavischen Ländern, dem Bildungsbereich einen anständigen Anteil am BIP zur Verfügung stellt von 6, 7 oder 8 Prozent, das ist eine ganz entscheidende Frage für die Qualität der Bildung! Hessen liegt 2006 mit 3 Prozent Anteil am BiP immer noch weit unter dem Anteil Deutschlands mit 4,1 Prozent insgesamt. Mal schauen, wie sich das 2009 darstellen wird, wie hoch dann der Anteil sein wird.
Ich habe in den letzten zwei Jahren immer wieder sehr ausführlich unsere Forderungen für notwendige Rahmenbedingungen dargestellt und bin dafür regelmäßig belächelt worden. Rahmenbedingungen, die eine gute Pädagogik erst möglich machen, die tatsächlich eine individuelle Beurteilung und Förderung der SchülerInnen und Schüler zulassen, ohne den dadurch zusätzlich notwendigen Arbeitsaufwand auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer auszutragen. Abiturientinnen und Abiturienten, die überlegen, den Lehrerberuf zu ergreifen, sind abgeschreckt von den Schilderungen angehender Lehrer und das zeigt sich in den Bewerbungen für die Lehramtsstudiengänge. Ich weiß, Sie wollen die Warnungen der Lehrergewerkschaft GEW nicht hören, aber Sie müssen es sich noch einmal anhören: Aus Sicht der GEW, die wir teilen, ist selbst eine 105prozentigige Abdeckung, wenn sie denn bis Ende der Legislaturperiode erreicht würde, nicht ausreichend, denn es besteht allein 5 Prozent Zusatzbedarf für Vertretungen. Wie soll dann noch ein individuell zugeschnittener und an Vorstellungen von Inklusion orientierter Unterricht, wie sollen dann aber auch die vermehrten Auflagen wie Lernstands- und andere Erhebungen, Vergleichsarbeiten, Zielvereinbarungen, Inspektionen/Zertifizierung/Rankings, Teaching-to-the-tests usw. mit allein 100 Prozent , geschweige denn den 96 Prozent, die momentan als real erreicht gelten, funktionieren? Sie selbst haben ja in Ihrer Erklärung von drei Schwächen der hessischen Schulen gesprochen, die sich bei den Schulinspektionen gezeigt haben: Dazu gehören die individuelle Förderung und die interne Evaluation. Beides sind sehr arbeitsintensive Aufgaben und erfordern eine gut ausgebildete, gut vorbereitete und gut kooperierende Lehrerschaft. Beides werden Sie selbst mit einem besseren Management der Schulleitung nicht nach vorne bringen können – und das wissen Sie! Diese Schwächen werden Sie weiter mitschleppen, wenn es keine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen gibt, und da es sie nicht geben wird, sind Ihre Selbstständigen Schulen in erster Linie Sich Selbstüberlassene Schulen!
Diese sich selbst überlassenen Schulen müssen die verfehlte Politik Ihrer Landesregierung ausbaden. Wir haben immer vor Ihrer Art ‚Selbständige Schule’ gewarnt: Die Schulen werden dahingehend selbständig gemacht, dass sie ihre weiterhin gegebene finanzielle Unterversorgung und die daraus resultierenden Mängel selbst beseitigen sollen oder – wenn das nicht geht - dann wenigstens selbst verwalten dürfen. Sie, die FDP, arbeiten ein weiteres Mal mit dem in der Politik so beliebten Mittel der Neubelegung von vorher positiv konnotierten Begriffen: Wer hat schon etwas gegen Selbständigkeit? Vor allem im Zusammenhang mit dem Begriff „Schule“, die den Erziehungsauftrag hat, unsere Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen. Was Sie meinen, ist aber die Politik des Neoliberalismus, der Deregulierung! Sie wollen Schule deregulieren, sie zunehmend aus der staatlichen Verantwortung holen, mit privaten Partnern versehen, die von Ihren neuen Führungspersönlichkeiten, den Schulleiterinnen und Schulleitern, akquiriert wurden. Bzw. wahrscheinlich werden eher bestimmte Schulen von privaten Partnern akquiriert. Da werden natürlich Schulen in guten Wohnvierteln andere Erfolgschancen haben als z.B. die Sterntalerschule in meiner Heimatstadt Dietzenbach mit über 90 Prozent Anteil von Schülerinnen und Schülern mit MHG, die Sie, Frau Henzler kürzlich besucht haben.
Das ist kein guter Weg, das ist ein gefährlicher Weg! Wir wollen nicht, Frau Henzler, dass Schulen demnächst wie Betriebe geführt werden, dass mit der Bildung ein Geschäft gemacht werden kann, dass bürokratische und verwaltungstechnische Effizienz zum zentralen Kriterium für eine GUTE Schule wird. Ich befürchte, dass es hier so gehen könnte wie mit vielen public-private-partnership-Projekten, wo die Kommunen erst auf den neoliberalen Schmu mit den starken privaten Partnern hereingefallen sind, sich und ihren Bürgerinnen und Bürgern damit Wünsche erfüllt haben oder auch nur längst überfällige Aufgaben angepackt haben, die wegen der Finanzknappheit der Kommunen liegen geblieben waren und jetzt mühsam den Weg der Rekommunalisierung gehen, um die Abhängigkeit und Fesselung über 20 Jahre und länger, die insgesamt sehr viel teurer kommt, zu beenden. Die Privatisierung der Hochschulen ist bereits im vollen Gange. Es scheint, Sie wollten jetzt auch die Schulen „freisetzen“.
U.E. wollen Sie mit Ihrer Stabsstelle Selbständige Schule/SV Plus und ihrer neuen Abteilung Z mit den zwei Unterabteilungen zur Neuen Verwaltungssteuerung die Schulen genau auf diese Schiene der Verbetriebswirtschaftlichung und Privatisierung setzen. Sie wollen staatliche Aufgaben zunehmend auf private Partner übertragen. Überzeugen Sie mich vom Gegenteil. Und: Haben Sie Ihren Koalitionspartner sowie die einzelnen Abgeordneten der konservativen (was ja eigentlich auch bewahrend heißt) und staatstragenden CDU davon bereits überzeugt, dass unsere Befürchtungen unberechtigt sind, dass Sie auch langfristig nicht auf einen Ausverkauf der öffentlichen Schullandschaft aus sind?
Ich möchte Ihnen sagen, wie u.E. eine Selbständigkeit von Schulen aussehen muss:
Wir Psychologen wissen seit langem, dass nur die individuelle Engagiertheit beim Lernen – und das ist inzwischen nachgewiesen bereits für die ganz Kleinen unter drei Jahren– zu nachhaltigen Lernerfolgen führt. Also müssen Pädagogen individuelle, selbständige Lernprozesse initiieren, sie müssen die Kinder dort abholen, wo sie sich befinden und das heißt, dass sie z.B. ein mehrsprachiges Diplomatenkind, das gleich mit zwei oder mehr Sprachen aufgewachsen ist, anders abholen müssen als ein Kind marokkanischer Eltern aus dem Ryff-Gebirge, die ggf. selbst nur drei Jahre in Marokko in arabischer Sprache und Schriftsprache alphabetisiert wurden und auch in ihrer Wohnumgebung selten ein gutes Deutsch vernehmen können. Ein solches Kind kommt mit 3 oder 4 Jahren in den Kindergarten und versteht und spricht Deutsch wenn überhaupt nur in Schlagwörtern, es versteht das System der Deutschen Sprache nicht. Und diesen Kindergarten besuchen wegen des richtigen Prinzips der Wohnortnähe der Grundschulen wiederum v.a Kinder mit Migrationshintergrund.
In meinem Wahlkreis gibt es eine Reihe von Schulen, die zu über 90% von Kindern mit MHG besucht werden, die Sterntalerschule in Dietzenbach gehört dazu. Diesen vielschichtigen Herausforderungen müssen die Schulen demnächst unbedingt besser begegnen können, aber nicht, indem sie von Managern geführt werden, sondern indem die Schulen tatsächlich Unterstützung bekommen angesichts der Herausforderungen von Sprachförderung, Integration, Inklusion und Aufbau eines Ganztagsschulsystems unter den oftmals sehr schwierigen Bedingungen an den Schulen, gerade auch in sozial schwachen oder konfliktbehafteten Stadtteilen wie z.B. im Landkreis Offenbach. Die Schulen kennen sehr genau ihre Probleme und sie können sehr genau ihre Bedarfe definieren (sei es das Etablieren von Schulsozialarbeit, eine Chance, echte, rhythmisierte Ganztagsschule zu werden mit integrierter, von Lehrern verantworteter Hausaufgabenbetreuung, bilingualen Unterricht einzuführen, Mediation bzw. Streitschlichterprogramme zu etablieren etc. etc.). Die Schulgemeinschaften kennen ihre Schwächen UND ihre Stärken, Ihre Elternschaft und ihre Lehrerschaft, ihr Gemeinwesen. Was liegt da näher als eigene, neue Wege anzusteuern, sich von demokratischen Gremien wie Schulkonferenz und Gesamtkonferenz beauftragen zu lassen, um die von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und Schulleitung gemeinsam erkannten Ziele anzusteuern. Aber da, genau da wird der Riegel dann vorgeschoben, bleibt Schule unselbständig!
Geschehen an den Gesamtschulen, die mit einem Mehrheitsvotum der Eltern wieder zu G9 zurückkehren wollten oder als große Schulen auch G8 und G9 parallel anbieten wollten, damit die Mehrheit aller Eltern, die ein Zurück zu G9 wollen, - die sich ja auch nie aktiv für G8 entschieden hatten, ebenfalls eine Option bekommen sollten. Selbständige Schule? Nein, so selbständig nun auch wieder nicht! Geschehen auch an der Kerschensteinerschule in Frankfurt, die m. W. jahrgangsübergreifend Unterricht und Verzicht auf Notengebung anbieten wollte. Auch da: Diese Form von Selbständigkeit wollen wir nicht.
Geschehen an den Schulen, die schon vor Jahren gleich gebundene Ganztagsschulen werden wollten, weil sie dieses Konzept für ihre Klientel am sinnvollsten fanden. Die Beratung durch die Schulämter ging dahin, maximal die offene Form zu wählen, am besten aber dem mainstream zu folgen, der ein langsames Wachsen aller Schulen hin zu einer Übermittagsbetreuung als der billigsten und mit dem Familienbild der CDU am ehesten zu vereinbarenden Form von Ganztagsbetreuung vorsah. In grauer Zukunft (auch Sankt-Nimmerleinstag genannt) hätte dann die gebundene Form der Ganztagsschule kommen sollen, die hier in Hessen (und nur hier) von politisch interessierter Seite schon früh mit Vorstellungen wie ‚Fesselung’ und „Zwang“ verbunden worden war und deshalb jetzt von Befürwortern lieber als rhythmisierte oder echte Ganztagsschule bezeichnet wird.
Wie gesagt: Diese Anträge auf Ganztagsschulen in gebundener Form mussten jährlich erneuert werden und statt die Schulen, die diese Anträge selbständig gestellt hatten, ernst zu nehmen, wurden sie dahingehend beraten, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen und lieber erst einmal kleine Brötchen zu backen. Ist dies Ihr Verständnis von „Selbständigkeit“? Eine wirkliche Entscheidungsfreiheit ist nicht gewünscht, so müssen wir feststellen.
Nach unserer Auffassung – und damit komme ich zu unserem Gegenkonzept, muss Selbständigkeit, muss selbständiges Handeln einer Schule generell verbunden werden mit einer demokratisch legitimierten Entscheidung der gesamten Schulgemeinde. Die Lehrergewerkschaft GEW spricht in dem Zusammenhang von einer demokratisch verfassten Schule. Nicht nur das, sie muss immer auch eingebunden sein in eine gemeinsame regionale Planung, um Benachteiligungen einzelner Schulen auszugleichen. Das heißt: Wir brauchen unbedingt eine regionale Steuerung, statt die einzelnen Schulen in eine Konkurrenz untereinander um knappe Ressourcen zu bringen. Wir brauchen auf allen Ebenen zwischen den Schulen und innerhalb der Schulen mehr Kooperation statt Wettbewerb, mehr Teamteaching statt interner Rankings.
Schulaufsicht soll sich gegenüber den Schulen als Unterstützungssystem präsentieren und nicht als Kontrollinstanz, Schulleiterinnen und Schulleiter sollen ihre Schulen weiterhin kollegial und mit pädagogischem Blick leiten statt zu Managern zu mutieren´, ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer sich in ihrer Rolle als Unterstützer, Anreger und Begleiter von Lernprozessen verstehen sollen denn als Unterrichtsbeamten.
Die gesamte Schulgemeinde von Lehrerschaft, Schüler- und Elternschaft darf nicht entmündigt werden, sondern im Gegenteil ermuntert werden, an der Gestaltung von Schule aktiv mitzutun und die Mitwirkungsrechte zu nutzen und ggf. auszuweiten. Ich möchte nicht, dass es demnächst statt ‚Bildung ist ein Menschenrecht’ heißt ‚Bildung ist teuer, Bildung ist käuflich und Bildung zu kaufen ist das Kundenrecht’.
Frau Henzler: Ich bin enttäuscht. Ich hätte es angemessener gefunden, dem Thema Inklusion eine Regierungserklärung zu widmen. Wo respektieren Sie die selbständige Entscheidung der Eltern, ihr behindertes Kind gemeinsam mit anderen in der Regelschule unterrichten zu lassen? Wo bleibt die Gewährleistung zur Chancengleichheit für behinderte Menschen? Wann rüsten sie die Regelschulen dahingehend aus, damit ein Gemeinsamer Unterricht für alle umgesetzt werden kann? Wann erhält die Inklusion ihren Stellenwert in der normalen Ausbildung sowie in der Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte?
Die Kitas haben sich bereits seit Jahren selbständig auf den Weg der Inklusion gemacht. Die Kommunen sind schon weiter als diese Landesregierung. Inklusion zielt nicht nur auf Behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder ab, sie umfasst auch leseschwache und rechenschwache Kinder sowie Kinder, die sich nicht konzentrieren oder ausreichend sozial anpassen können. Ebenso umfasst Inklusion Kinder aus sozial schwachen Familien, aus bildungsfernen Familien, Kinder mit anderem kulturellen Hintergrund, mit einer anderen Muttersprache. Dazu zählen auch Kinder von Alleinerziehenden, die ganztags arbeiten gehen müssen. Kurzum, sie zielt besonders auch auf Kinder ab, die in der Familie kein ausreichend anregungsreiches Lernmilieu haben oder keine qualitativ ausreichende Lernunterstützung bekommen oder schlicht zeitlich nicht ausreichend betreut und unterstützt werden können. Das wäre eine Herausforderung, derer Sie sich in einer Regierungserklärung hätten annehmen sollen! Damit wären Sie Ihrem Ziel und dem von Herrn Koch, Hessen zum Bildungsland Nr. 1 zu machen, tatsächlich ein Stück näher gekommen, - schließlich ist das Urteil des UN-Kommissars Senor Munoz, dass Deutschland die Bildungschancen ungerecht verteilt, noch lange nicht vergessen. Diese Herausforderung, ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ zu verwirklichen, wie es in der von Deutschland kürzlich ratifizierten UN-Behindertenkonvention heißt, diese Herausforderung hätte eine eigene Stabsstelle, die an entsprechenden Umsetzungen in Schulgesetz und Lehrerbildungsgesetz arbeitet, mit einer Unterabteilung, die die Schulen dabei berät, wie sie ab diesem oder dem kommenden Schuljahr Inklusion umsetzen können, gut gebrauchen können.
Stattdessen tolerieren Sie weiterhin, dass die frühe Selektion von der Förderschule bis zum Gymnasium zementiert wird, denn Sie sind schließlich beschäftigt: Sie bereiten ja gerade den Ausverkauf des öffentlichen Schulsystems vor.
Und damit komme ich zum Antrag der SPD:
Der Antrag der SPD mahnt richtige und wichtige Punkte an, indem er die LR auffordert, Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in den Mittelpunkt ihres bildungspolitischen Handelns zu stellen. An vielen Stellen ist der Antrag allerdings nicht ausreichend spezifiziert worden und geht u.E. über eine Absichtserklärung nicht hinaus.
Punkt 1 ist eine längst überfällige Aufgabe, die Rahmenvereinbarung zwischen dem Land und den Kommunalen Spitzenverbänden ein guter Weg. Punkt 2 ist ebenfalls zu unterstützen. Ebenfalls unterstützen wir die Einrichtung von Schuleingangsstufen in Punkt 3. Allerdings bedeutet jahrgangsübergreifendes Unterrichten neue Kooperationsbeziehungen zwischen den Lehrern. Ich halte es für notwendig, diesen Prozess zu begleiten und die Erfahrungen aus den Modellversuchen entsprechend einzubeziehen.
Zum Thema „echte Ganztagsschule“ habe ich bereits einiges ausgeführt, den Anspruch auf einen wohnortnahen Platz in einer echten Ganztagsschule und ein kostenloses Mittagessen befürworten wir natürlich – wir hatten den Antrag ja auch schon selbst eingebracht.
Der 5. Punkt muss unbedingt spezifiziert werden, um operationalisierbar zu sein. Wir schlagen vor, diese Punkt heraus zu nehmen und dazu eine Anhörung zu machen. Dazu gehört ebenfalls Punkt 6, der natürlich richtig und wichtig ist, - die weiterführenden Schulen haben ihre Verantwortung bisher nicht wahrgenommen. Der Sozialindex in Punkt 6 ist eine alte Forderung und seine Einführung m.W. auch bereits von der LR zugesagt worden. Dazu wüsste ich dann doch gerne Genaueres von Frau Henzler.
Die nächsten beiden Punkte 8 und 9 betreffen Aus- und Weiterbildung. Der Vorschlag, in den dualen Ausbildungsberufen, in denen kein auswahlfähiges Angebot besteht, vollschulische Ausbildungsgänge anzubieten, ist richtig, aber nicht ausreichend. Zum Prinzip der Modularisierung müsste ebenfalls ausführlicher Stellung genommen werden. Punkt 10 des kostenlosen Studiums wird von uns natürlich unterstützt, Punkt 11 wird von uns abgelehnt. U.E. muss es andere Möglichkeiten als einen sog. positiven Wettbewerb der Länder um die Studierwilligen geben, Sie wissen, dass wir Bildung nicht Marktgesetzen unterwerfen wollen.
Von daher: Es besteht intensiver Diskussionsbedarf, wir würden vorschlagen, den Antrag in den Ausschuss zu verweisen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!