13.05.2009 Rede zum Haushalt 2009

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

In Zeiten des auch für Hessen geltenden Bildungs- und Erziehungsplans

für Kinder von 0 bis 10 Jahren werde ich über

den Einzelplan 04 hinaus zu den Anforderungen im Bereich

frühkindliche Bildung sprechen. Herr van Ooyen

hat Ihre Bildungspolitik schon generell kritisiert. Ich

werde das ergänzen und vor allem unsere konkreten Alternativen

benennen. Das wünscht sich Herr Irmer, das

hat er eben gesagt. Aber wahrscheinlich wird er nur wieder

meckern, das sei nicht bezahlbar.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Sie haben sich das

doch vom DGB ausrechnen lassen!)

– Das stimmt zum Teil, da haben Sie recht. – Welches sind

die aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen?

Ich war letzte Woche in Berlin auf der ersten nationalen

Konferenz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

zu Art. 24 des Übereinkommens der Vereinten Nationen

über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Die von uns eingegangen Verpflichtungen zum Abbau

von Benachteiligungen und für Inklusion werden Verbesserungen

für alle Kinder nach sich ziehen.Auf der Konferenz

wurde unmissverständlich festgehalten, dass die

Konvention nach der erfolgten Ratifizierung nun für

Bund, Länder und Kommunen völkerrechtlich verbindlich

ist. Es wird erwartet, dass die Bundesländer und damit

auch Hessen als Erstes ihr System einer Prüfung unterziehen,

inwieweit es den Anforderungen einer inklusiven,

also gar nicht erst aussondernden Bildung entspricht.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Haben Sie schon etwas

von individueller Förderung gehört?)

Dort, wo es Zweifel gibt, gilt das Gebot, eine klar völkerrechtsfreundliche

Auslegung vorzunehmen. Das bedeutet,

Hessen wird sich nicht so einfach herausmogeln können.

Zweitens wird erwartet, dass wir ab sofort erste Schritte

auf dem Weg zu mehr Inklusion gehen. In zwei Jahren

wird erstmals geprüft, ob und welche Schritte inzwischen

eingeleitet wurden. Die verschiedenen Bundesländer setzen

sich dabei unterschiedlich anspruchsvolle Ziele und

geben sich unterschiedlich viel Zeit, die Bedingungen dafür

zu erfüllen, dass unsere allgemeinbildenden Schulen

alle Kinder aus ihrem Einzugsbereich beschulen.

Die Ministerin aus Schleswig-Holstein, mit 45 % Integration

Vorreiter unter den Bundesländern, hat uns berichtet,

dass sie das Jahr 2009 zum Jahr der inklusiven Bildung

ausgerufen hat und in zehn Jahren die Marke von 80%

behinderter Kinder im Regelschulwesen erreicht haben

will.Wir wissen, Hessen liegt erst bei 15 %.Wir müssen

uns also sputen, Frau Henzler, wenn wir zumindest in diesem

Bereich jemals Bildungsland Nummer eins werden

wollen. Aber vielleicht reicht der Koalition auch hier ein

Platz auf den hinteren Rängen. Mehr werden wir mit jeweils

50 zusätzlichen GU-Stellen nicht erreichen können.

(Beifall bei der LINKEN)

Warum habe ich diesen Einstieg in die Haushaltsdebatte

zum Einzelplan 04 gewählt? Weil den Verpflichtungen, die

sich durch die Ratifizierung der UN-Konvention ergeben

und die allen Schülerinnen und Schülern zugute kommen,

nur mit der Umsetzung bestimmter Rahmenbedingungen,

die natürlich auch haushalterische Konsequenzen haben,

entsprochen werden kann.

Wie auf der Konferenz festgehalten wurde, gibt es bestimmte

notwendig herzustellende Bedingungen, die

keine oder kaum finanzielle Belastungen nach sich ziehen.

Ich will sie nur kurz erwähnen, damit wir uns auf sie

einstellen. Dazu gehört z. B. die Schaffung entwickelter,

gleichberechtigter Kooperationsformen mit Eltern- und

Behindertenvertretungen. Dazu gehört auch die Anpassung

des Hessischen Schulgesetzes, das den Vorrang der

inklusiven Beschulung festhalten und ausgestalten muss,

und des Hessischen Lehrerbildungsgesetzes, das z. B. sicherstellen

muss, dass allen Regelschulpädagogen, auch

denen aus den Sekundarstufen, grundlegende sonderpädagogische

Kenntnisse und ausreichendes Handwerkszeug

vermittelt werden, um zieldifferent unterrichten zu

können.

(Beifall bei der LINKEN)

Frau Henzler, ich nehme an, dass in der nächsten Zeit ein

Vorschlag Ihres Hauses zur Anpassung beider Gesetze an

die neuen Vorgaben vorgelegt wird. Schließlich war die

UN-Konvention schon lange genug in der Pipeline, sodass

man sich darauf vorbereiten konnte. Ich hoffe, dass wir

dann die Anpassung in Übereinstimmung mit dem ganzen

Haus vornehmen können.

Die Anpassung des Landesrechts und der Kooperationsformen

als notwendige Voraussetzung für ein inklusives

Bildungssystem muss mit der Anpassung der faktischen

Situation in den Schulen des Landes einhergehen; denn

nur auf die zielt die Konvention ab. Die Verbesserung der

faktischen Situation braucht bestimmte materielle Rahmenbedingungen,

die leider nicht durch noch so viele

Rankings, Messungen und Konkurrenzverhältnisse herzustellen

sind.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Sagen Sie etwas zum

Haushalt!)

– Damit wären wir beim Punkt, Herr Irmer. – Wir wissen,

Inklusion zielt nicht nur auf Behinderte und von Behinderung

bedrohte Kinder ab, sie umfasst auch leseschwache und

rechenschwache Kinder und Kinder, die sich

nicht konzentrieren oder ausreichend sozial anpassen

können. Sie umfasst Kinder aus sozial schwachen Familien,

aus bildungsfernen Familien, Kinder mit anderem

kulturellen Hintergrund, mit anderen Muttersprachen.

Sie umfasst auch Kinder von Alleinerziehenden, die ganztags

arbeiten gehen müssen. Kurzum, sie zielt besonders

auch auf Kinder, die in der Familie kein ausreichend anregungsreiches

Lernmilieu haben oder keine qualitativ

ausreichende Lernunterstützung bekommen oder schlicht

zeitlich nicht ausreichend betreut und unterstützt werden

können. Diese Kinder rangieren bei Ihnen unter „ferner

liefen“.

Sie haben bisher einen unangemessen hohen Batzen der

Ganztagsschulgelder für Ihre verkorkste G-8-Reparatur

ausgegeben. Es sind aber diese Kinder, die für mehr

Chancengerechtigkeit gute, rhythmisierte Ganztagsschulen

benötigen, in denen sie zusammen mit ihren Klassenkameraden

den Tag verbringen und individuell gefördert

werden können. Das heißt für uns, es müssen weit mehr

Gelder in den Ausbau gebundener Ganztagsschulen fließen.

Ich kann mich da zum Teil nur den Vorrednern anschließen.

(Beifall bei der LINKEN)

Einer unserer Anträge zum Haushalt wird daher lauten,

dass in einem ersten Schritt 300 und nicht zehn Schulen

den gebundenen Ganztagsbetrieb aufnehmen sollten. Dafür

brauchen wir ca. 3.000 Stellen für Lehrer und andere

pädagogische Fachkräfte.

Als Zweites brauchen wir angesichts dieser Herausforderung

unbedingt kleinere Klassen. Anzuzielen sind um

20 % geringere Klassengrößen für jede Klasse in jeder

Schulform.Als einen ersten Schritt wollen wir den Wegfall

der Sternchenregelung nicht nur für die Eingangsklassen

realisieren, wie es die Koalition vorschlägt, sondern für

alle Klassen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU):Wie viele Lehrer sind

das, und was kostet das?)

Natürlich können die zusätzlichen Lehrerstunden auch

als Förderstunden in Doppelbesetzung realisiert werden,

wenn laufende Klassen sich nicht verkleinern wollen. Dafür

veranschlagen wir 1.500 weitere Lehrerstellen über

die von der Regierungskoalition geplanten 1.000 Lehrstellen

hinaus. Frau Habermann, ich schließe mich in ihrer

Kritik an diesem Punkt ausdrücklich an.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Ach ja, Volksfront

funktioniert!)

Ein drittes Vorhaben ist der Ausbau der Schulsozialarbeit

und des schulpsychologischen Dienstes mit 500 und nicht

15 zusätzlichen Sozialpädagogen- und Psychologenstellen.

Echt selbstständige Schulen brauchen eben keine Manager,

sondern die Schulleiter brauchen dringend Unterstützung

angesichts der Herausforderungen von Inklusion

und Aufbau der Ganztagsschulen unter oftmals

schwierigen Bedingungen an den Schulen, gerade auch in

sozial schwachen oder konflikthaften Stadtteilen.

Zur Sicherung der in Art. 59 der Hessischen Verfassung

niedergelegten Lehr- und Lernmittelfreiheit halten wir es

viertens für notwendig, die zusätzlichen 6 Millionen

der Regierung auf 18 Millionen Euro aufzustocken. Da wir rund

840.000 Schülerinnen und Schüler in Hessen haben, handelt

es sich hierbei zumindest um durchschnittlich 20

pro Schüler mehr, während die Regierung wohl meint, mit

7 Euro mehr pro Jahr und Schüler seien die inzwischen an

vielen Schulen illegitim erhobenen Kopierkostenpauschalen

abzugelten, Bücher und Sonstiges zu finanzieren. Das

ist, und das wissen alle Eltern, alle Schüler und alle Lehrer,

absolut nicht der Fall.

(Beifall bei der LINKEN)

Für besonders wichtig halte ich fünftens die Bereitstellung

von 500 Lehrerinnen- und Lehrerstellen für die Bereiche

DaZ, Deutsch als Zweitsprache, und muttersprachlicher

Unterricht. DIE LINKE schließt sich hier den Forderungen

des Landesausländerbeirates und den Einschätzungen

namhafter Sprachwissenschaftler an, die den

Zweitspracherwerb von Deutsch nicht auf den Kindergarten

reduziert sehen wollen und eine gut entwickelte

Erstsprache als unverzichtbare Basis für den erfolgreichen

Erwerb der Zweitsprache ansehen.

Zusammengefasst summieren sich unsere Forderungen

für den Schulbereich auf rund 370 Millionen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Mehr nicht?)

– 1,8 Milliarden Euro Mehreinnahmen aus der Vermögenund

Erbschaftsteuer reichen dafür dicke, Herr Irmer.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Genau, kein Problem!)

Nun zu der Förderung der Bildungsarbeit in Kindertagesstätten.

Angesichts der gestiegenen Aufgaben, die sich

schon allein durch die 138 Einzelanforderungen bei der

Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsplans ergeben,

fordern Verbände – wie der Paritätische Wohlfahrtverband

und andere – einen deutlich verbesserten Personalschlüssel,

mehr Vor- und Nachbereitungszeit sowie eine

bessere Bezahlung. Natürlich müssen die Kindertagesstätten

gemäß der neuen Herausforderung der Inklusion

entsprechend ausgestattet werden.

Und dann gibt es noch das ehrgeizige Vorhaben der Landesregierung,

das Schulvorbereitungsjahr. Es kann doch

nicht sein, dass sich die Landesregierung hiermit profilieren

will – auf dem Rücken der seit Jahren gebeutelten und

schlecht bezahlten Erzieherinnen und Erzieher. Der

Streik der Erzieherinnen im letzten Jahr und in der letzten

Woche zeigt uns, dass die absolute Haltelinie erreicht ist.

Die Bildung und Erziehung in den Kindertagesstätten ist

der Grundstein für die Bildungsentwicklung unserer Kinder.

Daher halten auch wir als ersten Schritt eine Verbesserung

der Fachkräfte-Kinder-Relation für unbedingt erforderlich.

(Beifall bei der LINKEN)

Das bedeutet eine Doppelbesetzung der Gruppen mit

zwei qualifizierten Vollzeitkräften bei einer Gruppengröße

von nicht mehr als 20 Kindern. Eine bessere Bezahlung

und eine Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher

auf Fachhochschulniveau müssen noch in dieser

Legislaturperiode folgen.

Herr Ministerpräsident, Frau Kultusministerin, Sie müssen

in der Bildung dringend umsteuern. Erstens muss viel

mehr Geld in die Bildung fließen, und zweitens muss sich

auch die Richtung ändern. Es muss in Richtung Chancengerechtigkeit

und Inklusion umgesteuert werden. So, wie

Sie das bisher vorhaben, ist es jedenfalls nichts. – Ich

danke Ihnen.

(Beifall bei der LINKEN)