Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Der vorliegende
Antrag ist einer der ersten überhaupt, der von der
LINKEN vorgestellt wurde. Wegen der Auflösung des
Landtags ist er in den Ausschüssen noch nicht behandelt
worden. Dass die in ihm aufgestellten Forderungen sinnvoll
sind, dem wird hier sicherlich keiner widersprechen.
Sie sollten sich auch in den künftigen Haushaltsberatungen
wiederfinden, daher das erneute Einbringen.
Wir fordern, die Klassen- und Gruppengrößen in Schulen
und Kindergärten auf ein pädagogisch sinnvolles Maß zu
reduzieren. Die sogenannte Sternchenregelung sollte mit
diesem Antrag ersatzlos gestrichen werden. In keiner
Klasse in Hessen sollten mehr als 25 Schülerinnen und
Schüler unterrichtet und in keiner Kindergartengruppe
mehr als 20 Kinder betreut werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Schauen wir uns einmal Ihren Koalitionsvertrag an, um zu
sehen, ob die von uns aufgestellten Forderungen jetzt obsolet
sind. Im Koalitionsvertrag der CDU und der FDP
heißt es – ich zitiere –:
Wir werden 2.500 zusätzliche Stellen für die Schulen
schaffen. Damit stehen – wie bisher – die Mittel
zur vollständigen Unterrichtsabdeckung zur Verfügung.
Darüber hinaus werden wir den Schulen den
notwendigen Spielraum für mehr individuelle Förderung,
die Bildung kleinerer Klassen und für die
Entlastung der Lehrkräfte geben. Die Schulen erhalten
in Zukunft eine Zuweisung von Lehrerstellen
im Umfang von durchschnittlich 105 %, verbunden
mit der Möglichkeit, davon 20 % als Geldmittel
zur freien Verfügung einzusetzen.
(Gottfried Milde (Griesheim) (CDU): Guter Vertrag!)
Ihr Dringlicher Antrag enthält demgegenüber nichts
Neues. – Nur damit hier im Hause allen klar ist, was Sie da
versprechen, verweise ich auf die GEW, die Folgendes
ausgerechnet hat: Wenn man berücksichtige, dass die
Unterrichtsversorgung in den letzten Jahren bei nur ca.
96 % des zeitlichen Bedarfs gelegen habe, dann bedeute
das, dass allein für eine 105-prozentige Lehrerzuweisung
ganze 3.581 zusätzliche Stellen im Land benötigt würden.
(Gottfried Milde (Griesheim) (CDU): Die GEW
konnte noch nie rechnen! – Janine Wissler (DIE
LINKE): Sind da nicht viele Lehrer drin?)
Ihre zusätzlichen 2.500 Stellen sind darin noch nicht eingerechnet,
die nach seriösen Berechnungen tatsächlich
ausreichen würden, um den Wegfall der sogenannten
Sternchenregelung zu kompensieren. Das bedeutet: Sie
haben im Koalitionsvertrag vereinbart, 6.081 neue Lehrerstellen
zu schaffen. Für den Unterricht werden ja wohl
nur Lehrerinnen und Lehrer eingesetzt, denn aus der
UG+ werden wir alle gelernt haben.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir fragen uns natürlich alle, woher Sie diese Lehrer nehmen
wollen, angesichts des von der CDU-Regierung zu
verantwortenden Lehrermangels. Damit haben Sie sich
viel vorgenommen, ohne Frage. Mit dem Wegfall der
Sternchenregelung haben Sie bereits einem Teil unseres
Antrags aus dem letzten Jahr entsprochen. Dennoch haben
bei Ihnen die Gymnasial- und Realschulklassen
weiterhin 30 Schülerinnen und Schüler. Die Fraktion DIE
LINKE ist jedoch der Meinung, dass individuelle Förderung,
wie sie auch Frau Ministerin Henzler immer im
Munde führt, unmöglich in so großen Klassen gelingen
kann.
(Beifall bei der LINKEN)
Aber vielleicht hängen Sie auch noch der irrigen Meinung
an, dass es möglich sei, die Homogenisierung in der Klassenbildung
so weit zu treiben, dass eine individuelle Förderung
überflüssig ist. Gute Bildung und individuelle Förderung
werden unter solchen Bedingungen weiterhin faktisch
unmöglich sein. Außerdem werden Abiturienten, die
eventuell den Lehrerberuf ergreifen würden, von den
Aussichten, in so großen Klassen unterrichten zu müssen,
sicherlich abgeschreckt. Das ist, wie wir wissen, völlig
kontraproduktiv.
Unser Antrag fordert diese Verbesserungen nicht nur für
die Eingangsklassen, wie Sie es tun. Zumindest in mehrzügigen
Schulen können diese Verbesserungen durch
Klassenneubildungen auch für die anderen Klassen realisiert
werden.
Unser Antrag umfasst auch die Reduzierung der Gruppengrößen
in den Kindertagesstätten. Wir sagen: Keine
Gruppe darf mehr als 20 Kinder haben.
(Beifall bei der LINKEN)
Dies ist auch eine Forderung nach mehr Qualität, denn
Kinder zwischen drei und sechs Jahren brauchen kleinere
Gruppen – vor allem, wenn wir die oft viel zu kleinen
Räumlichkeiten und den erhöhten Differenzierungsbedarf,
beispielsweise bei der sprachlichen Förderung, die
auch Sie weiter betreiben wollen, bedenken. Sie wollen
zwar die Anzahl der Fachkräfte pro Gruppe um 0,25 Fachkräfte
erhöhen, aber die Gruppen dürfen weiterhin bis zu
25 Kinder umfassen. Diese Gruppen sind einfach zu groß;
und das wird Ihnen auch jede Erzieherin und jeder Erzieher
sagen.
Es gibt einen ungeheuren Nachholbedarf an Neueinstellungen
im Bildungsbereich. Nach den Angaben des Bildungsfinanzberichts
des Jahres 2008 liegt der Bundesdurchschnitt
der öffentlichen Ausgaben für Schulen und
Hochschulen bei 4,1 %. Hessen, das Sie, Herr Ministerpräsident
– er ist nicht da –, zum Bildungsland Nummer
eins machen wollen, bildet dabei mit einem Anteil des
Bruttoinlandsprodukts von 3,0 % das Schlusslicht aller
Flächenländer. In keinem anderen deutschen Flächenland
wurde Bildung so kaputtgespart wie in Hessen.
(Beifall bei der LINKEN)
Es gilt eben nicht nur, für jeden Arbeitsplatz zu kämpfen,
wie es der Ministerpräsident während des Wahlkampfs so
vollmundig versprochen hat, sondern es gilt auch, jede
Menge Arbeitsplätze im Bildungsbereich neu zu schaffen
– und dies nicht auf Kosten anderer Beschäftigungsbereiche.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir lehnen daher strikt ab, dass die Regierung diese zusätzlichen
Stellen zulasten anderer Bereiche wie Justiz,
Polizei oder Verwaltung umverteilen will.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes dürfen nicht
zu Lückenbüßern Ihrer verfehlten Personalpolitik werden.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Eieiei!)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Frau Ministerin,
lassen Sie uns überall in Hessen, für alle Kinder
und Jugendlichen, für alle Schulen und für alle Kindertageseinrichtungen
pädagogisch vertretbare Klassen- und
Gruppengrößen von maximal 25 Schülerinnen und Schülern
bzw. 20 Kindergartenkindern anstreben. Unterstützen
Sie daher unseren Antrag, und berücksichtigen Sie ihn
in Ihren Haushaltsberatungen.
Noch einen Satz zum SPD-Antrag, der ein neues Zuweisungsverfahren
fordert: Wir halten es allerdings für wichtig,
dass für Sonderbedarfe auch gesonderte Mittel zur
Verfügung gestellt werden. Diese dürfen aber nicht zulasten
der Grundversorgung, einer 100-prozentigen Lehrerversorgung,
gehen.
Wir sind davon ausgegangen, dass die SPD das ebenso
sieht, und haben versucht, in einem Änderungsantrag eine
klarere Formulierung vorzuschlagen. Ich denke, wir werden
im Kulturpolitischen Ausschuss noch darüber sprechen
können. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der LINKEN)