Für Cárdenas ist es nachrangig, ob Solidarität und Gerechtigkeit aus der Bibel, dem Koran, dem Marxismus oder der Arbeiterbewegung abgeleitet werden.
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!
Zu Anfang ebenfalls ein Satz zur Frage des
Schulbesuchs von Kindern ohne legalen Aufenthaltsstatus:
Wir werden den Antrag von BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN mittragen und unterstützen, und wir hoffen
und erwarten, dass es diesmal endlich zu entsprechendem
ministerialem Handeln kommt.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Zum Hauptthema.Wie steht DIE LINKE zur Religion?
Wie steht sie zum Religionsunterricht an staatlichen
Schulen? Wie steht sie zu einem islamischen
Religionsunterricht und zur Einführung eines solchen Unterrichts
in Hessen?
(Mathias Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN): Das interessiert euch mehr als uns, wie
ihr dazu steht! – Heiterkeit)
– Ich möchte meine zehn Minuten Redezeit ausfüllen dürfen,
Herr Wagner.
Luc Jochimsen, die kulturpolitische Sprecherin unserer
Bundestagsfraktion, hat im letzten Jahr einmal pointiert
die Frage formuliert, ob die Partei ihr Heiligstes aufgeben
dürfe, nämlich den Atheismus. Viele Genossinnen und
Genossen sind Atheisten oder Agnostiker, entweder sind
sie – vor allem im Osten – so aufgewachsen, oder sie haben
sich, so wie ich, im Laufe ihres Lebens dazu entwickelt.
Es gibt aber auch die AG Christinnen und Christen
in unserer Partei. Unser religionspolitischer Sprecher,
Bodo Ramelow, kandidiert zum thüringischen Ministerpräsidenten,
und über 20 Pastoren sind Mitglieder unserer
Partei.
(Florian Rentsch (FDP):Wir können Ihnen ja Werbematerial
geben!)
Im letzten Jahr haben wir eine allseits beachtete Tagung
zum Thema „Religion und Sozialismus“ unter Beteiligung
von Muslimen, von Juden und der christlichen Kirchen
durchgeführt. Wir sind eine plurale Partei. Uns eint der
Kampf gegen Ungerechtigkeit, für gleiche Lebenschancen,
und es ist meines Erachtens nachrangig, ob Solidarität
und Gerechtigkeit aus der Bibel,dem Koran, aus dem
Marxismus oder der Arbeiterbewegung abgeleitet werden.
Mir persönlich ist das Bekenntnis zur Autonomie, zur
Befreiung auch von geistiger Fremdbestimmung wichtig,
und ich werde Religion immer wieder darauf befragen, ob
sie real existierende soziale Widersprüche als etwas von
Gott oder Allah Gewolltes ansieht.
Ich bin sicher, dass der Glaube auch als Opium eingesetzt
werden kann, damit sich die Menschen nicht gegen erfahrenes
Unrecht wehren. Das ist die affirmative und staatstragende
Funktion von Kirche.Auf der anderen Seite erleben
wir, z. B. hier in Hessen, dass die Wohlfahrtsverbände
und mit ihnen die Kirchen in den Wahlkämpfen mit
klaren Aussagen soziale Gerechtigkeit eingefordert haben.
Religion kann revolutionäre Kraft sein, wie bei der
Befreiung von der Sklaverei oder in der lateinamerikanischen
Befreiungstheologie, sie kann aber auch reaktionäre
Ideologie der besitzenden Feudalklasse sein, wie im
Mittelalter oder in der Kolonialzeit. Der Mensch macht
die Religion, nicht die Religion den Menschen.
Beim Verhältnis von Staat und Religion – das geht jetzt
natürlich an die CDU – wurde in der jüngsten Vergangenheit
die Erfahrung gemacht, dass ein staatlich verordneter
Atheismus der Freiheit der Menschen nicht dient.Auf der
anderen Seite darf es aber auch keine staatliche Bevorzugung
einer Religion oder der Religion im Allgemeinen geben.
Religion muss Privatsache bleiben.
(Beifall des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE))
Wie steht die LINKE zum Religionsunterricht an staatlichen
Schulen? Folgende Überzeugungen sind Konsens
in unserer Fraktion und teilweise auch grundgesetzlich
festgelegt.
Es darf keine staatliche Bevorzugung einer Religion oder
der Religion im Allgemeinen geben. Der Staat ist zur
Neutralität und Toleranz verpflichtet.
(Beifall des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE))
Religiös gebundene Kinder, gleich welcher Glaubensrichtung,
dürfen keine Benachteiligung wegen ihres Glaubens
erfahren. Die Weltanschauungs- und Glaubensbekenntnisse
der Kinder und ihrer Eltern müssen geachtet werden.
Das Wissen über Religion und kulturelle Traditionen
muss wichtiger Bildungsinhalt und Gegenstand schulischer
Bildung sein. Dazu kann religionskundlicher Unterricht
dienen, der wie jedes andere Schulfach auch benotet
werden kann.
Ein bekennender Unterricht, wie er in Hessen als ordentliches
Lehrfach nach Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes garantiert
ist und an öffentlichen Schulen in Übereinstimmung
mit den Religionsgemeinschaften erteilt wird, vermittelt
die Werte und Glaubenslehren der jeweiligen Religionsgemeinschaften.
Dies verträgt sich unseres Erachtens
nicht damit, dass dies ein benotetes und versetzungsrelevantes
Prüfungsfach ist.
Ich wage jetzt einmal, eine Analogie dazu zu ziehen: Das
wäre ein bisschen so, als ob nicht nur im Fach Politikwissenschaften
Politikkunde unterrichtet und zum Prüfungsinhalt
würde, sondern als ob jede politische Partei ihren
eigenen PoWi-Unterricht durchführte, zu dem die Eltern
ihre Kinder je nach ihrer politischen Gesinnung anmelden.
Für die Kinder von Nichtwählern gäbe es dann das
Fach Poli-Ethik. Ihre Noten erhielten die Kinder dann dafür,
wie authentisch sie sich mit dem jeweiligen Parteiprogramm
identifizieren könnten, d. h. in welchem Maß sie
sich dazu bekennen könnten. Ich denke, das wäre abstrus,
darin können Sie mir auch zustimmen.
(Zuruf von der CDU)
– Darüber können wir uns später gern noch einmal unterhalten.
– Daher sind wir LINKE der Überzeugung, dass
es, solange wir noch Noten brauchen, entweder eine benotete
Religionskunde
(Dr. Christean Wagner (Lahntal) (CDU): Solange
wir noch Noten brauchen!)
oder einen bekennenden Unterricht geben sollte, der
dann aber kein ordentliches Lehrfach mehr ist und ohne
versetzungsrelevante Benotung abgehalten wird. Dies bedeutet
dann allerdings eine Änderung des Art. 7 Grundgesetz;
das ist uns schon klar.
(Beifall bei der LINKEN)
Religionsausübung, Rituale usw. gehören in die Privatsphäre,
in die Familien und in die Gemeinden.
Aber wir brauchen noch etwas anderes, und in einer Einwanderungsgesellschaft
ist dies für den gesellschaftlichen
Frieden ganz entscheidend. Dazu haben schon einige
Leute vor mir etwas gesagt.
Für alle Kinder sollte es einen religions- und weltanschauungsübergreifenden
Unterricht geben, in dem es um
gemeinsame humanistische Werte, um deren Gefährdungen
sowie um grundgesetzliche Garantien geht. Dieser
Unterricht sollte für alle verpflichtend sein; er dürfte also
nicht nur von den konfessionslosen Kindern besucht werden.
Unsere durch unterschiedliche Religionen,Weltanschauungen
und Kulturen geprägte Gesellschaft bedarf der Gemeinsamkeit,
auch in der Debatte und in der Werteerziehung.
Das Ziel wäre, ein kulturelles und demokratisches
Verständnis, gegenseitige Toleranz und Konfliktfähigkeit
zu entwickeln. Dies würde unserer festen Überzeugung
nach die Integration in unserem Land – wenn man sie
denn nicht als Einbahnstraße versteht – ein großes Stück
voranbringen.
(Beifall bei der LINKEN)
Jetzt komme ich zu dem Punkt, wie die LINKE generell
zum islamischen Religionsunterricht und speziell zu seiner
Einführung in Hessen steht. Das ist schnell gesagt.
(Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Das war ein langer Anlauf!)
– Herr Al-Wazir, man muss das natürlich differenziert
vorbereiten.
(Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ich weiß, woher ihr kommt! Deswegen war es ein
langer Anlauf!)
Der Islam fehlt auf diesem Parkett schon allzu lange. Er
war bisher nur in Hinterhöfen und Gewerbegebieten geduldet.
Dort hat er sich zum Teil in einer Art und Weise
eingerichtet, die einer gemeinsam gestalteten Entwicklung
unserer Gesellschaft nicht guttut.
In naher Zukunft wird hier jedes zweite Kind als Muslim
bzw. als Muslima aufwachsen. Es wird sich mit dem Islam
identifizieren. Muslimische und nicht muslimische Kinder
haben nicht gelernt, sich auszutauschen, Gemeinsamkeiten
zu entdecken, zu pflegen und weiterzuentwickeln sowie
über Unterschiede zu reden, im positiven Sinne zu
streiten und sie letztlich zu akzeptieren.
Andere Bundeslänger sind schon ein ganzes Stück weiter.
Wir haben eben etwas über NRW gehört. In NRW hat, soweit
ich weiß, nach der Einführung des Religionskundeunterrichts
eine ganze Reihe von Eltern ihre Kinder
nicht mehr in Koranschulen geschickt. Das möchte ich
dem entgegenhalten, was eben gesagt worden ist. Natürlich
muss im Sinne des Gleichstellungsgebots ein muslimisches
Kind dieselbe Möglichkeit haben, in der Schule etwas
über seine Religion zu erfahren, wie Kinder, die anderen
Glaubensrichtungen angehören.
DIE LINKE wird also für die Verwirklichung des Gleichstellungsgebots
streiten. Generell sind aus Sicht der LINKEN
zu einem islamischen Religionsunterricht allerdings
die gleichen Anmerkungen zu machen wie zum Religionsunterricht
allgemein, den ich eben angesprochen
habe.
In Hessen war es längst überfällig, ein für die Integration
so ungemein wichtiges Projekt wieder ernsthaft anzugehen.
Frau Henzler, dafür haben Sie, auch angesichts der
Widerstände, die Sie zu überwinden haben, unsere Anerkennung.
(Zurufe von der FDP)
Allerdings sollten wir uns nichts vormachen. Die Bedingungen,
unter denen ein solches Angebot zustande kommen
soll, sind kompliziert. Meine Vorredner haben schon
einiges dazu gesagt. Ich will das nicht weiter ausführen.
In der Vergangenheit wurde ein Antrag der IRH, der Islamischen
Religionsgemeinschaft Hessen, Religionsunterricht
zu erteilen, abgelehnt.Wie ich gehört habe, steht jetzt
eine andere Gemeinschaft kurz davor, anerkannt zu werden.
Weitere werden folgen.Wir sollten dem keine Steine
in den Weg legen.
Von daher ist uns die Formulierung sympathisch, die die
SPD-Fraktion im sechsten Spiegelstrich des zweiten
Punktes ihres Antrags gewählt hat. Dort ist von den „angepassten
Lösungen“ die Rede.Auch die Einrichtung eines
runden Tisches ist sicher eine Möglichkeit, ein paar
Schritte weiterzukommen.
Angesichts der Herausforderungen, denen sich der Landtag
und die in ihm vertretenen Parteien offensichtlich stellen
wollen, sollte die Chance wahrgenommen werden, das
Verhältnis von Staat und Kirche zu überdenken und im
Interesse der Integration und der gemeinsamen Verantwortung,
die alle unsere Kinder bald für das Land Hessen
zu tragen haben, dem nach Bekenntnis trennenden Religionsunterricht
einen für alle verpflichtenden integrierenden
Unterricht zur Seite zu stellen.
Auf die Details der vorliegenden Anträge werde ich nicht
näher eingehen. Ich denke, dafür werden wir im Kulturpolitischen
Ausschuss ausreichend Zeit haben. – Ich
danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN)