Cárdenas sieht immer mehr Probleme im Zusammenhang mit dem Zentralabi. Die Schüler seien überfordert und die Qualität des Unterrichts verschlechtere sich.
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!
Wie uns die Landesschülervertretung mitteilt, betrachtet sie das
Verhalten von Frau Ministerin Henzler
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Haben Sie gelegentlich
auch eine eigene Meinung?)
bezüglich der fehlerhaften Mathe-Prüfungen im Landesabitur
vom letzten Freitag erst einmal als „großen Erfolg“.
Ich zitiere:
Jeder Schüler und jede Schülerin darf nun die Prüfung
wiederholen, Benachteiligungen sollen ausgeschlossen
werden – und selbstverständlich ist die
Regierung hinterher, derlei für die Zukunft verbindlich
auszuschließen.
Was bleibt, ist unter anderem ein äußerst übler Nachgeschmack,
insbesondere bei den betroffenen Schülerinnen
und Schülern, die nun in einem ungeheuren Kraftaufwand
derlei existenzielle Prüfung erneut ablegen müssen, überdies
aber auch und vor allem Kritik, die weit über diesen
„Mathe-Fehler“ hinausreicht. Ich halte es für notwendig,
dass wir uns den Problemen vor allem aus Sicht der Schülerinnen
und Schüler zuwenden, und werde daher aus der
Fülle der E-Mails von Schülerinnen und Schülern der
Landesschülervertretung, die uns dieser Tage erreichen,
zitieren:
Es ist wichtig, einen Konsens über die Prüfungsanfangszeiten
zu finden.Teilweise haben Schüler während
der Lesephase bereits zu schreiben beginnen
dürfen – andere durften dies nicht.
Das ist ein Problem.Wie werden Sie sich hierzu verhalten,
Frau Henzler? – Nun zum nächsten Zitat:
Hallo! Am 24.03.2009 habe ich das Physikabitur
– es geht nämlich auch um das Physik-, nicht nur um das
Mathe-Abitur –
im Leistungskurs geschrieben. Leider waren Fehler
enthalten. Auch die Korrektur des Kultusministeriums
war fehlerhaft bzw. nicht eindeutig zuordenbar:
In der E-Mail war sowohl von Grundkurs als
auch Leistungskurs die Rede, die Änderung bezog
sich aber nur auf den Leistungskurs. Des Weiteren
war in zwei Vorschlägen dasselbe Thema enthalten,
sodass es keine Auswahlmöglichkeit mehr gab.
Auch enthielt eine Aufgabe Teile, die nicht in den
Handreichungen des Kultusministeriums zu finden
waren, die also offiziell gar nicht abiturrelevant hätten
sein dürfen. Da es nur wenige Schüler/-innen in
Hessen gibt, die Physik geschrieben haben bzw.
Physik-Leistungskurs haben, bitte ich daher um besondere
Aufmerksamkeit, da wir allein nichts erreichen
können. Mein Ziel ist es, das Physikabitur
wiederholen zu dürfen, so wie es auch den Mathematikkursen
erlaubt wurde, wobei bei Physik die
Fehler/Korrekturen viel schwerwiegender waren.
Wie kommt es, Frau Henzler, dass von diesen Problemen
in der Öffentlichkeit noch nichts zu hören ist und anscheinend
niemand vom Kultusministerium sich diesbezüglich
um eine Lösung für das Problem bemüht?
Von ähnlichen Erfahrungen berichten Dutzende Schülerinnen
und Schüler. Einige Beispiele:
Ich habe gestern Mathe-Abi im Grundkurs geschrieben.
Wir hatten alle katastrophale Resonanzen,
nicht nur wegen der Fehler, sondern auch, weil
das Niveau einfach unlösbar war – das geben auch
die Lehrer zu!
Nächstes Zitat:
Das Niveau vom 27.03.2009 war ja nicht mit dem
Niveau der letzten beiden Jahre zu vergleichen.
Auch die Aufgabenmenge war vollkommen übertrieben!
Oder, wie die Schülervertretung der Liebigschule aus
Frankfurt in einem offenen Brief an die Kultusministerin
schreibt:
(Leif Blum (FDP): Sagen Sie noch etwas Eigenes
oder nur eine Zitatensammlung?)
– Ich habe sieben Minuten lang Zeit. Ich werde schon
noch etwas dazu sagen.
Auch ... war der Schwierigkeitsgrad im Vergleich zu
früheren Prüfungen deutlich höher einzuordnen.
(Hermann Schaus (DIE LINKE): Das regt Sie
schon auf, wenn man einmal das Volk zitiert! –
Gegenruf des Abg. Leif Blum (FDP): Das ist schon
tendenziös!)
– Klar. – Frau Henzler, ist es nötig, Kinder und Jugendliche
in Prüfungen zu demütigen, vor allem angesichts der
zunehmenden Zahl seelischer Erkrankungen bei Schülerinnen
und Schülern und solch schrecklicher Vorkommnisse
wie Amokläufen an unseren Schulen, über die wir
hier auch noch sprechen werden? Die Landesschülervertretung
hat insgesamt folgende Einschätzung:
Unserer Meinung
– der können wir uns anschließen, das ist auch meine Meinung
dazu –
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Ach ja!)
und unseren Beobachtungen nach verschlechtert
sich die Unterrichtsqualität an unseren Schulen
durch das Zentralabitur,
(Beifall bei der LINKEN)
weil das ganze letzte Jahr nur noch mittels dumpfen
Frontalunterrichts auf Prüfungserfolge hin gelernt
wird. Die Schüler lernen nur noch auf die Prüfung
und nicht mehr für das Leben.
An den Schulen ist diesbezüglich bereits das Wort – Sie
wissen es bereits – des „Bulimielernens“ geprägt und in
Umlauf.
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer
(CDU): Meine Güte!)
Frau Ministerin Henzler, haben Sie schon einmal darüber
nachgedacht, was hieraus wird, wenn man G 8 und den damit
verbundenen inhumanen Leistungsdruck noch „hinzuaddiert“?
(Florian Rentsch (FDP): „Inhuman“, oh!)
– Sie haben alle zu anderen Zeiten Abitur gemacht. Ich
denke, dass dies damals noch anders war als das, was im
Augenblick bei den Schülern abgeht.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der CDU)
Lassen Sie mich die subjektiven Wahrnehmungen derjenigen,
die in unseren Schulen auf das Leben danach vorbereitet
werden sollen oder in ihnen arbeiten, auf den Punkt
bringen:
Das Zentralabitur führt zu immer neuen Problemen. Der
Arbeitsaufwand für die Vorbereitungen übersteigt den für
das dezentrale Abitur um ein Vielfaches. Die Jugendlichen
werden zunehmend überfordert, während sich
gleichzeitig die Qualität des Unterrichts verschlechtert.
Man kann wohl nur attestieren, dass sich immer wieder
bewahrheitet, was von den Betroffenen, in diesem Fall der
GEW, bereits 2003 bzw. 2005 vorausgesagt worden ist.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Die GEW!)
In einer Erklärung, die die Landesdelegiertenversammlung
2005 als höchstes Gremium verabschiedete, heißt es:
Ein Zentralabitur muss aufgrund seiner Struktur
und Form im Wesentlichen Faktenwissen abfragen.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): So ein Blödsinn! –
Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE):
Das ist so!)
Für jede Lehrkraft, die ihre Schülerinnen und Schüler
gut auf das Abitur vorbereiten will, führt dies zu
einem Pauk- und Wiederholungsunterricht.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Junge, Junge, Junge! –
Weitere Zurufe)
Für das Erlernen anderer Methoden, für interessante
Umwege, für kritisches Reflektieren, für
schlussfolgerndes Denken, für kreativen Transfer
bleibt dabei wenig bis gar keine Zeit.
(Beifall bei der LINKEN)
Damit kommen selbstständiges Arbeiten, wissenschaftspropädeutisches
Lernen und Eigenverantwortung
für den Lernprozess als Ziele der gymnasialen
Oberstufe zu kurz.
Bereits 2003 wurde formuliert:
Das Zentralabitur muss an den individuellen Fähigkeiten
unserer Schülerinnen und Schüler vorbeigehen
und Gleichmacherei betreiben, weil es alle
wichtigen Kontextbedingungen, wie den konkreten
Unterricht, die jeweiligen Lernbedingungen und
die Lernsituation, die didaktische Umsetzung der
Rahmen- und Strukturpläne, unberücksichtigt lassen
muss.
Unser Fazit, das auch jenes der unmittelbar Betroffenen
ist, lautet daher: Das Zentralabitur nivelliert den Unterricht,
begünstigt den frontalen Paukunterricht, erzeugt
während der gesamten Oberstufe Stress für alle Beteiligten,
entmündigt alle am Abitur Beteiligten,
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Junge, Junge, Junge!
Wenn ich so viel pädagogischen Schwachsinn höre!
– Gegenruf des Abg. Willi van Ooyen (DIE
LINKE))
behindert den Erwerb von Schlüsselqualifikationen, wie
Kooperationsfähigkeit, Flexibilität, Kreativität und selbständiges
Lernen. Es kann zur politischen Steuerung von
Lernzielen führen.
(Lebhafte Zurufe der Abg. Willi van Ooyen und
Hermann Schaus (DIE LINKE), Dr. Christean
Wagner (Lahntal) und Hans-Jürgen Irmer (CDU) –
Glockenzeichen des Präsidenten)
Vizepräsident Frank Lortz:
Frau Kollegin Cárdenas, Sie müssen dann auch zum
Schluss kommen.
Barbara Cárdenas (DIE LINKE):
Siebeneinhalb Minuten?
Vizepräsident Frank Lortz:
Ich kann es nicht ändern. Das zeigt die Uhr an. Sie müssen
jetzt zum Schluss kommen.
(Axel Wintermeyer (CDU): Die Uhr läuft bei ihr
immer rückwärts!)
Barbara Cárdenas (DIE LINKE):
Frau Ministerin Henzler, unser Vorschlag ginge eher dahin,
das Zentralabitur durch das vorherige dezentrale
Abitur zu ersetzen, wie es auch insbesondere die FDP
(Zuruf des Abg. Hans-Jürgen Irmer (CDU))
in ihrer Landtagsdrucksache ausführt, die immer wieder
„individuelles Lernen nach Neigung und Begabung“ verspricht,
ohne dieses Versprechen einzulösen. Individuell
und pädagogisch ist an einem Zentralabitur nun wirklich
gar nichts mehr. Es schert alle Kinder, so individuell sie
auch sind, über einen und denselben schlechten Kamm.
Zum Abschluss: Bitte nehmen Sie noch einmal Stellung zu
dem eingangs erwähnten Problem des Nachschreibetermins
sowie des Physikabiturs. – Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN)