Barbara Cárdenas (Linke): "Ist es nötig, Schüler so zu demütigen?"

Cárdenas sieht immer mehr Probleme im Zusammenhang mit dem Zentralabi. Die Schüler seien überfordert und die Qualität des Unterrichts verschlechtere sich.

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02.04.2009 Rede zum Zentralabitur

 Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

Wie uns die Landesschülervertretung mitteilt, betrachtet sie das

Verhalten von Frau Ministerin Henzler

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Haben Sie gelegentlich

auch eine eigene Meinung?)

bezüglich der fehlerhaften Mathe-Prüfungen im Landesabitur

vom letzten Freitag erst einmal als „großen Erfolg“.

Ich zitiere:

Jeder Schüler und jede Schülerin darf nun die Prüfung

wiederholen, Benachteiligungen sollen ausgeschlossen

werden – und selbstverständlich ist die

Regierung hinterher, derlei für die Zukunft verbindlich

auszuschließen.

Was bleibt, ist unter anderem ein äußerst übler Nachgeschmack,

insbesondere bei den betroffenen Schülerinnen

und Schülern, die nun in einem ungeheuren Kraftaufwand

derlei existenzielle Prüfung erneut ablegen müssen, überdies

aber auch und vor allem Kritik, die weit über diesen

„Mathe-Fehler“ hinausreicht. Ich halte es für notwendig,

dass wir uns den Problemen vor allem aus Sicht der Schülerinnen

und Schüler zuwenden, und werde daher aus der

Fülle der E-Mails von Schülerinnen und Schülern der

Landesschülervertretung, die uns dieser Tage erreichen,

zitieren:

Es ist wichtig, einen Konsens über die Prüfungsanfangszeiten

zu finden.Teilweise haben Schüler während

der Lesephase bereits zu schreiben beginnen

dürfen – andere durften dies nicht.

Das ist ein Problem.Wie werden Sie sich hierzu verhalten,

Frau Henzler? – Nun zum nächsten Zitat:

Hallo! Am 24.03.2009 habe ich das Physikabitur

– es geht nämlich auch um das Physik-, nicht nur um das

Mathe-Abitur –

im Leistungskurs geschrieben. Leider waren Fehler

enthalten. Auch die Korrektur des Kultusministeriums

war fehlerhaft bzw. nicht eindeutig zuordenbar:

In der E-Mail war sowohl von Grundkurs als

auch Leistungskurs die Rede, die Änderung bezog

sich aber nur auf den Leistungskurs. Des Weiteren

war in zwei Vorschlägen dasselbe Thema enthalten,

sodass es keine Auswahlmöglichkeit mehr gab.

Auch enthielt eine Aufgabe Teile, die nicht in den

Handreichungen des Kultusministeriums zu finden

waren, die also offiziell gar nicht abiturrelevant hätten

sein dürfen. Da es nur wenige Schüler/-innen in

Hessen gibt, die Physik geschrieben haben bzw.

Physik-Leistungskurs haben, bitte ich daher um besondere

Aufmerksamkeit, da wir allein nichts erreichen

können. Mein Ziel ist es, das Physikabitur

wiederholen zu dürfen, so wie es auch den Mathematikkursen

erlaubt wurde, wobei bei Physik die

Fehler/Korrekturen viel schwerwiegender waren.

Wie kommt es, Frau Henzler, dass von diesen Problemen

in der Öffentlichkeit noch nichts zu hören ist und anscheinend

niemand vom Kultusministerium sich diesbezüglich

um eine Lösung für das Problem bemüht?

Von ähnlichen Erfahrungen berichten Dutzende Schülerinnen

und Schüler. Einige Beispiele:

Ich habe gestern Mathe-Abi im Grundkurs geschrieben.

Wir hatten alle katastrophale Resonanzen,

nicht nur wegen der Fehler, sondern auch, weil

das Niveau einfach unlösbar war – das geben auch

die Lehrer zu!

Nächstes Zitat:

Das Niveau vom 27.03.2009 war ja nicht mit dem

Niveau der letzten beiden Jahre zu vergleichen.

Auch die Aufgabenmenge war vollkommen übertrieben!

Oder, wie die Schülervertretung der Liebigschule aus

Frankfurt in einem offenen Brief an die Kultusministerin

schreibt:

(Leif Blum (FDP): Sagen Sie noch etwas Eigenes

oder nur eine Zitatensammlung?)

– Ich habe sieben Minuten lang Zeit. Ich werde schon

noch etwas dazu sagen.

Auch ... war der Schwierigkeitsgrad im Vergleich zu

früheren Prüfungen deutlich höher einzuordnen.

(Hermann Schaus (DIE LINKE): Das regt Sie

schon auf, wenn man einmal das Volk zitiert! –

Gegenruf des Abg. Leif Blum (FDP): Das ist schon

tendenziös!)

– Klar. – Frau Henzler, ist es nötig, Kinder und Jugendliche

in Prüfungen zu demütigen, vor allem angesichts der

zunehmenden Zahl seelischer Erkrankungen bei Schülerinnen

und Schülern und solch schrecklicher Vorkommnisse

wie Amokläufen an unseren Schulen, über die wir

hier auch noch sprechen werden? Die Landesschülervertretung

hat insgesamt folgende Einschätzung:

Unserer Meinung

– der können wir uns anschließen, das ist auch meine Meinung

dazu –

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Ach ja!)

und unseren Beobachtungen nach verschlechtert

sich die Unterrichtsqualität an unseren Schulen

durch das Zentralabitur,

(Beifall bei der LINKEN)

weil das ganze letzte Jahr nur noch mittels dumpfen

Frontalunterrichts auf Prüfungserfolge hin gelernt

wird. Die Schüler lernen nur noch auf die Prüfung

und nicht mehr für das Leben.

An den Schulen ist diesbezüglich bereits das Wort – Sie

wissen es bereits – des „Bulimielernens“ geprägt und in

Umlauf.

(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer

(CDU): Meine Güte!)

Frau Ministerin Henzler, haben Sie schon einmal darüber

nachgedacht, was hieraus wird, wenn man G 8 und den damit

verbundenen inhumanen Leistungsdruck noch „hinzuaddiert“?

(Florian Rentsch (FDP): „Inhuman“, oh!)

– Sie haben alle zu anderen Zeiten Abitur gemacht. Ich

denke, dass dies damals noch anders war als das, was im

Augenblick bei den Schülern abgeht.

(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der CDU)

Lassen Sie mich die subjektiven Wahrnehmungen derjenigen,

die in unseren Schulen auf das Leben danach vorbereitet

werden sollen oder in ihnen arbeiten, auf den Punkt

bringen:

Das Zentralabitur führt zu immer neuen Problemen. Der

Arbeitsaufwand für die Vorbereitungen übersteigt den für

das dezentrale Abitur um ein Vielfaches. Die Jugendlichen

werden zunehmend überfordert, während sich

gleichzeitig die Qualität des Unterrichts verschlechtert.

Man kann wohl nur attestieren, dass sich immer wieder

bewahrheitet, was von den Betroffenen, in diesem Fall der

GEW, bereits 2003 bzw. 2005 vorausgesagt worden ist.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Die GEW!)

In einer Erklärung, die die Landesdelegiertenversammlung

2005 als höchstes Gremium verabschiedete, heißt es:

Ein Zentralabitur muss aufgrund seiner Struktur

und Form im Wesentlichen Faktenwissen abfragen.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): So ein Blödsinn! –

Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE):

Das ist so!)

Für jede Lehrkraft, die ihre Schülerinnen und Schüler

gut auf das Abitur vorbereiten will, führt dies zu

einem Pauk- und Wiederholungsunterricht.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Junge, Junge, Junge! –

Weitere Zurufe)

Für das Erlernen anderer Methoden, für interessante

Umwege, für kritisches Reflektieren, für

schlussfolgerndes Denken, für kreativen Transfer

bleibt dabei wenig bis gar keine Zeit.

(Beifall bei der LINKEN)

Damit kommen selbstständiges Arbeiten, wissenschaftspropädeutisches

Lernen und Eigenverantwortung

für den Lernprozess als Ziele der gymnasialen

Oberstufe zu kurz.

Bereits 2003 wurde formuliert:

Das Zentralabitur muss an den individuellen Fähigkeiten

unserer Schülerinnen und Schüler vorbeigehen

und Gleichmacherei betreiben, weil es alle

wichtigen Kontextbedingungen, wie den konkreten

Unterricht, die jeweiligen Lernbedingungen und

die Lernsituation, die didaktische Umsetzung der

Rahmen- und Strukturpläne, unberücksichtigt lassen

muss.

Unser Fazit, das auch jenes der unmittelbar Betroffenen

ist, lautet daher: Das Zentralabitur nivelliert den Unterricht,

begünstigt den frontalen Paukunterricht, erzeugt

während der gesamten Oberstufe Stress für alle Beteiligten,

entmündigt alle am Abitur Beteiligten,

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Junge, Junge, Junge!

Wenn ich so viel pädagogischen Schwachsinn höre!

– Gegenruf des Abg. Willi van Ooyen (DIE

LINKE))

behindert den Erwerb von Schlüsselqualifikationen, wie

Kooperationsfähigkeit, Flexibilität, Kreativität und selbständiges

Lernen. Es kann zur politischen Steuerung von

Lernzielen führen.

(Lebhafte Zurufe der Abg. Willi van Ooyen und

Hermann Schaus (DIE LINKE), Dr. Christean

Wagner (Lahntal) und Hans-Jürgen Irmer (CDU) –

Glockenzeichen des Präsidenten)

Vizepräsident Frank Lortz:

Frau Kollegin Cárdenas, Sie müssen dann auch zum

Schluss kommen.

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Siebeneinhalb Minuten?

Vizepräsident Frank Lortz:

Ich kann es nicht ändern. Das zeigt die Uhr an. Sie müssen

jetzt zum Schluss kommen.

(Axel Wintermeyer (CDU): Die Uhr läuft bei ihr

immer rückwärts!)

Barbara Cárdenas (DIE LINKE):

Frau Ministerin Henzler, unser Vorschlag ginge eher dahin,

das Zentralabitur durch das vorherige dezentrale

Abitur zu ersetzen, wie es auch insbesondere die FDP

(Zuruf des Abg. Hans-Jürgen Irmer (CDU))

in ihrer Landtagsdrucksache ausführt, die immer wieder

„individuelles Lernen nach Neigung und Begabung“ verspricht,

ohne dieses Versprechen einzulösen. Individuell

und pädagogisch ist an einem Zentralabitur nun wirklich

gar nichts mehr. Es schert alle Kinder, so individuell sie

auch sind, über einen und denselben schlechten Kamm.

Zum Abschluss: Bitte nehmen Sie noch einmal Stellung zu

dem eingangs erwähnten Problem des Nachschreibetermins

sowie des Physikabiturs. – Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der LINKEN)