Frau Präsidentin, meine Damen und Herren!
Dass die Forderungen in unserem Antrag berechtigt und sinnvoll
sind, dem – glaube ich – widerspricht kaum einer. Ausgehend
von der Forderung, Bildung ist ein Grundrecht, wollen
wir, dass die Bildungschancen der Kinder und die Arbeitsbedingungen
der Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen
verbessert werden.
Eine individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler,
eine qualifizierte Integration behinderter und teilleistungsgestörter
Kinder, eine qualitativ hochwertige Wochenplanarbeit,
eine Anleitung zum kooperativen Arbeiten
usw. usf. erfordern kleinere Klassen. Kleinere Gruppengrößen
in den Kindertageseinrichtungen sind nötig,
damit der Bildungs- und Erziehungsplan endlich umgesetzt
werden kann und man nicht immer nur auf die ständige
Bereitschaft der Erzieherinnen, noch ein Päckchen
mehr zu schultern, setzt.
Die demografische Entwicklung kann entlastend wirken,
wenn – wie die GEW fordert – die dadurch frei werdenden
Lehrer- bzw. Erzieherstellen im jeweiligen System
verbleiben. Beispielsweise sinkt seit 2003/2004 die Zahl
der Erstklässler bundesweit um 12 %, im Westen sogar
um 14 %. Statt Klassen- und Schulschließungen zuzulassen,
sollten wir die Gelegenheit nutzen und aktiv kleinere
Klassen herbeiführen.
(Beifall bei der LINKEN)
Die GEW hat auf ihrer Podiumsdiskussion in der letzten
Woche sofort umsetzbare Minimalmaßnahmen in der
Grundschule vorgestellt und deren Realisierung gefordert,
die unter anderem die schon von uns im Wahlkampf
aufgestellten Forderungen aufgreift: Begrenzung der
Schülerhöchstzahl auf 25 Schülerinnen und Schüler und
Streichung des Notparagrafen, nach dem ein Überschreiten
dieser Zahl um bis zu drei möglich ist.
Ich denke, ich muss nicht weiter begründen, warum eine
Reduzierung der Gruppen- und Klassengrößen aus pädagogischen
Gründen unbedingt erforderlich ist. Darüber
haben wir nicht nur schon oft gesprochen, sowohl im Plenum
als auch im Ausschuss, sondern es ist auch so, dass die
bildungspolitischen Zielvorstellungen aller Parteien diese
Option stützen.
Daher verfolgt der vorgelegte Antrag auch das Ziel, dass
alle hier anwesenden Fraktionen beginnen, ihre den Bürgerinnen
und Bürgern immer wieder gegebenen Wahlversprechen,
Zusagen und Beteuerungen, es müsse mehr
Geld in die Bildung investiert und endlich eine individuelle
Förderung ermöglicht werden usw., auch wirklich
umzusetzen.
(Beifall bei der LINKEN)
Lassen Sie mich hierzu einige Zitate anbringen. Im CDUWahlprogramm
heißt es:
Die wichtigsten Ziele unserer Bildungspolitik sind
bestmögliche Bildungsqualität und -gerechtigkeit
für alle. ... Wir wollen daher jedem Schüler ein
Höchstmaß an Bildungschancen ermöglichen. Alle
Kinder und Jugendlichen sollen ihre Begabungen
bestmöglich entfalten können.
So weit die CDU. – Aus dem SPD-Wahlprogramm:
Wir gehen davon aus, dass alle Kinder und Jugendlichen
bildungsfähig und bildungswillig sind. Es
kommt darauf an, ihre unterschiedlichen Begabungen,
Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten optimal
zu fördern.
(Beifall bei der LINKEN und der Abg. Elke Künholz
(SPD))
Noch weiter aus dem SPD-Wahlprogramm:
(Heike Habermann (SPD): Das lohnt sich!)
Wir wollen einen Schulalltag, der fächerübergreifende
Förderung organisieren hilft und Unterricht,
Erziehung und individuelle Förderung besser miteinander
kombinieren kann. ... Statt auf Auslese
und Selektion setzen wir auf Förderung und Integration.
(Beifall bei der LINKEN und bei Abgeordneten der SPD)
Aus dem GRÜNEN-Wahlprogramm:
Aufbauend auf dem Sofortprogramm werden wir
die Voraussetzungen für mehr individuelle Förderung,
längeres gemeinsames Lernen, echte Ganztagsschulen,
kleine Klassen ... schaffen.
(Beifall bei der LINKEN und des Abg. Mathias
Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))
Last, but not least aus dem FDP-Wahlprogramm:
Das Ziel liberaler Bildungspolitik ist es daher, alle
Kinder und Jugendlichen in Hessen so zu fördern,
dass jeder Einzelne seine individuellen Begabungen
erkennt und seine Talente optimal entfalten
kann.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich frage Sie:Wie soll
das denn gehen, ohne mehr Geld in die Bildung zu stecken,
und zwar ohne viel mehr Geld? Bessere Qualität,
bessere individuelle Förderung, bessere Bildung, die Sie
immer wieder versprechen – bei Klassengrößen von bis zu
33 Schülerinnen und Schülern sowie Tageseinrichtungsgruppen
mit 25 Kindern? Sie wissen, das geht nicht.
Kein Lehrer, und sei er noch so gut, kann Kinder und Jugendliche
individuell fördern und ihnen gute Bildung zugutekommen
lassen, wenn er eine 33er-Klassengröße zu
beschulen hat.
Da wir uns diesbezüglich vermutlich einig sind, frage ich
nun alle Parteien, auch diejenige, die immer vor einer höheren
Neuverschuldung warnt – obwohl sie die, wie wir
gestern gehört haben, für die letzten Jahre selbst zu verantworten
hat –:Wie gedenken Sie, Ihre Wahlversprechen
umzusetzen? Wo ist das „mehr Geld in Bildung“? Es wird
immer nur geflickschustert und nicht wirklich etwa substanziell
verbessert. Es werden hier und da vielleicht einmal
500 neue Stellen geschaffen oder sollen nur geschaffen
werden – obwohl doch die GEW seit Jahren vorrechnet,
dass die Lehrerversorgung in Hessen gerade einmal
bei 94 % des Bedarfes liegt.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Die konnten noch nie
rechnen!)
Danach bedürfte es geschätzter 5.000 weiterer Lehrer und
Lehrerinnen in Hessen, nur um eine 100-prozentige adäquate
Unterrichtsversorgung – wohlgemerkt bei Klassengrößen
von nach wie vor 33 – sicherzustellen.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich muss Sie wieder einmal
quälen, indem ich Sie an Ihre Verantwortung im
Bundestag und Bundesrat erinnere. Dazu zitiere ich dieses
Mal etwas ausführlicher die Jusos Hessen-Süd und
zwar aus ihrer aktuellen Pressemeldung.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Das sind die, die Frau
Wissler ausgeschlossen haben? – Gegenruf der
Abg. Janine Wissler (DIE LINKE): Ich war dort nie
Mitglied!)
„Wir brauchen eine Vermögensteuer“, sagen die Jusos,
und weiter:
Eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer ist
also möglich und sinnvoll. Es kommt nur darauf an,
sie politisch zu wollen – und sie gerecht zu gestalten:
Mit einem Freibetrag von 500.000 würde keiner
Kleinfamilie ihr Reihenhaus besteuert, und
auch das Ansparen fürs Alter bliebe für Normalverdiener(innen)
ohne zusätzliche Belastungen.
Dabei hat diese Steuer eine lange Tradition. Sie gab
es bereits im antiken Griechenland
– immer noch Zitat –
für die reichsten 1.200 der Bürger(innen) – dort betrug
sie zum Teil ganze 12 %. Auch alle anderen
westlichen Industrienationen erheben Steuern auf
Eigentum und Vermögen. Deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt
beträgt beispielsweise in Großbritannien
4,3 %, in Frankreich 3,2 % und in den USA
3,1 %. In Deutschland gibt es seit der Aussetzung
der Vermögensteuer nur noch Steuern auf Eigentum
(beispielsweise die Grundsteuer), deren Anteil
am Bruttoinlandsprodukt gerade einmal noch
0,9 % ausmacht.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Ich dachte, es sei eine
bildungspolitische Debatte! – Gegenruf der Abg.
Heike Habermann (SPD): Das müssen gerade Sie
sagen!)
Damit gehen dem Staat – in diesem Fall den Ländern
– nach Berechnungen des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung jährlich 16 Milliarden – in Hessen sind es 1,2 Milliarden
an Steuern verloren. Geld, das fehlt. Beispielsweise
für mehr Bildung.
(Beifall bei der LINKEN)
Wie wahr – selbst im kapitalistischen Vorzeigeland USA
tragen Vermögende mehr zur Solidargemeinschaft bei als
bei uns. Das ist aber kein Naturereignis oder Gottes Gebot.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Sagen Sie einmal etwas
zur Vermögensteuer in Russland!)
Sehr geehrte Damen und Herren, es ist an der Zeit, die
parlamentarische Mangelverwaltung aufzugeben, nicht
erst die Steuern zu senken und danach die leeren Kassen
zu beweinen,
(Wortmeldung des Abg. Mathias Wagner (Taunus)(
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))
sondern das zu tun, was notwendig ist und wofür wir alle
hier im Haus angetreten sind: Geld, viel Geld in die Hand
zu nehmen – –
Vizepräsidentin Sarah Sorge:
Frau Kollegin Cárdenas, gestatten Sie eine Zwischenfrage
des Kollegen Wagner?
Barbara Cárdenas (DIE LINKE):
Nein, ich möchte weiter ausführen.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): So geht man doch
nicht mit einem Koalitionspartner um!)
Mathias, wir können uns gern hinterher nochmals zusammensetzen.
Geld, viel Geld in die Hand zu nehmen, um wirklich eine
bessere Bildung für Hessen zu realisieren, spätestens im
nächsten Haushalt.
Wer sich für bessere Bildung, gleiche Chancen für alle,
mehr individuelle Förderung usw. hat wählen lassen, wohl
wissend, dass Hessen nach der Wahl nicht mehr Mittel haben
wird als vor der Wahl, und nun kleinlaut sagt, das eigene
Wahlprogramm sei zwar gut gemeint, aber leider
nicht finanzierbar, der sollte sich überlegen, ob er sich
nicht besser als Insolvenzverwalter verdingen sollte, wobei
er allerdings kleinere Brötchen backen müsste. – Ich
bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der LINKEN)