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G8 grundlegend korrigieren

Zur Rede

Linke will G9 zurück

Die Linke sehen in der Verkürzung der Schulzeit unnötigen Stress für Eltern, Kinder und Lehrer. Deshalb wollen sie die Mittelstufe wieder auf sechs Jahre verlängern und Optionen für die Oberstufe zulassen.

 

 

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wir haben einen Gesetzentwurf zur Änderung

des Hessischen Schulgesetzes vorgelegt. Der Kern dieses

Gesetzentwurfs ist die Wiederherstellung der sechsjährigen

Sekundarstufe I – auch für den gymnasialen Bildungsgang.

Die Stundentafeln werden damit in den einzelnen

Jahrgängen reduziert. Sie sollen in ihren Grundzügen

parallelisiert, und die Durchlässigkeit zwischen den

Schulformen soll damit wiederhergestellt werden. Dies ist

auch Inhalt des Gesetzentwurfs von BÜNDNIS 90/DIE

GRÜNEN gewesen. Die Stundentafeln sollen sukzessive

auf der Basis der Gesamtstundentafel des Gymnasiums

umgestellt werden. Die Planungen hierfür sollten bis zum

Schuljahresbeginn 2009/2010 abgeschlossen sein.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um das Problem des

Turboabiturs etwas grundsätzlicher darzustellen. Frau

Kollegin Habermann hat bereits vieles gesagt. Ich kann

mich dem nur anschließen. DIE LINKE will, dass die Kinder

so lange wie möglich gemeinsam lernen. So erfahren

Kinder, dass es normal ist, verschieden zu sein. So ist es

möglich, dass sie sich mit ihren unterschiedlichen Schwächen

und Stärken ergänzen lernen. Das bedeutet, dass bereits

im Kindergarten Mädchen und Jungen, Kinder mit

und ohne Behinderungen, Kinder aus Hartz-IV-Familien

und aus begüterten Schichten, Kinder unterschiedlicher

Herkunft und unterschiedlicher Erstsprachen sowie

unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit so lange wie

möglich miteinander lernen und sich gemeinsam entwickeln

können.

(Beifall bei der LINKEN)

Dies ist in skandinavischen Ländern bis zum Schulabschluss

bzw. mindestens bis zum 15. Lebensjahr der Fall.

Bei uns ist bereits in einem Alter von zehn Jahren Schluss.

Bei behinderten Kindern wird diese gemeinsame Schulkarriere

oft gar nicht begonnen. Spätestens mit zehn Jahren

werden die Kinder in drei oder vier unterschiedliche

Schulformen aufgeteilt, und zwar nach dem Motto: „Die

Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Wollen Sie die polytechnische

Oberschule wieder haben?)

Die Eltern wissen ganz genau, mit welchen Abschlüssen

bzw. Schulformen ihre Kinder die besten Chancen für ihr

Fortkommen haben.

(Zuruf des Abg. Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/

DIE GRÜNEN))

– Es geht nicht um die Oberschule. – Die Abstimmung

läuft mit den Füßen. Es gibt einen Run auf die Gymnasien,

und zwar trotz des G 8. Den Hauptschulen droht jedoch

das Aussterben. Jede Werbung für die Hauptschulen

greift nicht, und das trotz der SchuB-Klassen.Auf der anderen

Seite ist der Versuch, das Gymnasium mithilfe von

G 8 den Begabten und Begüterten vorzubehalten, gescheitert.

Hierfür bin ich sehr dankbar, denn schließlich ist

hiermit der Versuch, Bildung vor allem der ökonomischen

Verwertbarkeitslogik zu unterwerfen, gescheitert.

Wir alle wissen, dass das G-8-Fiasko im Wahlkampf das

bildungspolitische Thema, vielleicht sogar wahlentscheidend

gewesen ist. Die finanziellen Belastungen, die die

Eltern schultern mussten, um ihrem Kind – es gibt noch

immer Familien mit mehreren Kindern – mit Nachhilfe

usw. die nötige Unterstützung zu geben, waren zu hoch.

Wir wissen, dass im Bundesdurchschnitt jährlich pro Kind

ca. 1.500 Nachhilfekosten bezahlt werden. Ein großer

Teil wird sicherlich von Eltern, deren Kinder auf das

Gymnasium gehen, erbracht.

Die Opfer, die in einer so wichtigen Zeit wie der Pubertät

erbracht werden mussten, waren zu groß geworden, denn

die Schüler konnten nicht einmal ein wenig „abhängen“,

sich mit Freunden treffen oder sich erholen. Sie mussten

auf einen sportlichen Ausgleich sowie auf musische Hobbys

verzichten. Die Klagen über die Belastungen der

Schülerinnen und Schüler riefen sogar die Kinderärzte sowie

Kinderpsychotherapeuten auf den Plan, die dringend

vor weiteren Belastungen durch das G 8 warnten.

Nun warten die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern

darauf, dass tatsächlich etwas passiert und dass der

Landtag das Steuer herumreißt, damit der Stress für die

Eltern, Kinder sowie für die Lehrerinnen und Lehrer endlich

aufhört, und zwar so schnell wie möglich, also zum

kommenden Schuljahr 2008/2009.

(Beifall bei der LINKEN)

Das hat auch die GEW in ihrer gestrigen Presseinfo

unterstrichen; und sie fordert die Zustimmung des Hessischen

Landtags zu unserem Gesetzentwurf. Sie wissen,

dass DIE LINKE gegen jede Schulzeitverkürzung ist und

dass sie das G 8 nicht nachbessern will, sondern zum G 9

zurückkehren möchte.

(Zuruf des Abg. Michael Boddenberg (CDU))

Dennoch haben wir einen Gesetzentwurf vorgelegt, der

nur die Mittelstufe umfasst und Optionen für die Oberstufe

offen lässt.Wir denken, dass die sechsjährige Mittelstufe

das Kernstück jeder Schulzeitverkürzung sein muss.

Denn in diesem Alter dürfen die Schülerinnen und Schüler

nicht so verdichtet lernen müssen, dass kein Platz mehr

für die Entwicklung von Freundschaften sowie die erste

Liebe bleibt.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir hoffen sehr, dass dieses Kernstück bei SPD und

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mehrheitsfähig ist und

dass der Landtag diese letzte Chance vor der Sommerpause

dazu nutzt, eine Rückkehr zur bewährten sechsjährigen

Mittelstufe zu erreichen – auch wenn man damit einem

Gesetzentwurf zustimmen würde, den DIE LINKE

eingebracht hat.

Wir haben – wie gesagt – bis zum letzten Moment darauf

gewartet, ob es noch eine Einigung zwischen den Parteien

gibt. Nun muss aber das Schlimmste verhütet werden,

denn es darf kein weiteres Jahr der G-8-Quälerei geben.

Das schulden wir unseres Erachtens den Wählerinnen

und Wählern.Alles Weitere sollten wir aber im Ausschuss

beraten. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)