Bildung in Hessen weiter voranbringen – gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Schülern

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wir haben fünf Anträge vorliegen, die sich mit der hessischen

Bildungspolitik befassen. Ich möchte kurz voranstellen,

welche fünf grundlegenden Fragen wir uns jeweils stellen,

um zu beurteilen, ob wir die vorgeschlagene Maßnahme

unterstützen können.

Erstens. Ist die Maßnahme geeignet, um mehr gemeinsames

Lernen und Bildungsgerechtigkeit für alle herzustellen,

oder befördert sie eher eine Auswahl?

Zweitens. Zielt sie auf den Ausgleich von Benachteiligung

ab, indem sie das einzelne Kind in den Blick nimmt und

individuell und ressourcenorientiert fördert, oder orientiert

sie sich eher auf Wettbewerb entlang einer sogenannten

Norm?

Drittens. Geht sie von einem Menschenrecht auf Bildung

aus, die von daher auch kostenfrei anzubieten ist, oder soll

Bildung Marktgesetzen folgen, sollen Angebot und Nachfrage

reguliert und den Erwartungsinteressen der Wirtschaft

unterworfen werden?

Viertens. Haben die beteiligten Schülerinnen und Schüler,

Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern ausreichende

Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitwirkung, oder

werden Ziele, Inhalte und Methoden vorgegeben?

Schließlich fünftens. Sind die dafür notwendigen Rahmenbedingungen

mit bedacht worden?

Schauen wir nun einmal auf die Anträge.

Zum Antrag der SPD, den Willen der Schulgemeinden

umsetzen. Integrierte Gesamtschulen gehen beim gemeinsamen

Lernen weiter als kooperative Gesamtschulen,

die das dreigliedrige Schulsystem lediglich unter einem

Dach vereinen. Daher unterstützen wir den Antrag,

beantragte integrierte Gesamtschulen schnellstmöglich

zu realisieren bzw. Umwandlungen in diese zu genehmigen.

(Beifall bei der LINKEN)

Zum Entschließungsantrag der GRÜNEN, zerstörtes

Vertrauen zurückzugewinnen. Sicher ist das hessische Bildungssystem

sukzessive heruntergewirtschaftet worden.

(Lachen des Abg. Michael Boddenberg (CDU))

Sicher war der Umgang des Kultusministeriums mit Lehrerverbänden,

Schüler- und Elternvertretungen nicht gerade

von Vertrauen geprägt.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael Boddenberg

(CDU): Es gab Unstimmigkeiten, das ist richtig!)

Sicher kann es sinnvoll sein, als ein erstes Signal eine Anhörung

mit allen wichtigen bildungspolitischen Akteuren

durchzuführen. Daher können wir diesem Antrag auch

zustimmen.

Folgendes aber möchten wir trotzdem anmerken.

Erstens. G 8 und Unterrichtsgarantie plus sehen wir nur

als Spitze eines Eisbergs, als die Tropfen, die das Fass zum

Überlaufen gebracht haben. Die Gymnasialeltern haben

sich massiv gewehrt und sich berechtigt gegen die drastische

Verschlechterung der Unterrichtsbedingungen und

den erhöhten Stress gewandt.

(Michael Boddenberg (CDU): Frau Kollegin, bei

Ihnen wird es doch gar kein Gymnasium mehr geben!)

Aber demnächst sollten wir uns unbedingt den weniger

spektakulären Bereichen, den Schülern ohne Lobby, zuwenden

– nämlich Förderschülern, Schülern mit Förderbedarf

in den Regelschulen, armen Kindern, Kindern, die

wegen ihres Migrationshintergrundes benachteiligt sind, usw.

Zweitens. Eine Anhörung ist keine Anhörung. Wir fordern

dazu auf, jährlich – oder besser halbjährlich – rechtzeitig

vor Ende des Schulhalbjahres eine Anhörung anzusetzen

und diese als Regel zu etablieren, um die Entwicklungen

im Bildungsbereich zu reflektieren und gegebenenfalls

rechtzeitig neu zu justieren.

Drittens halten wir die generelle Verbesserung der Mitwirkungsregeln

auf allen Ebenen für ebenso wichtig: eine

Stärkung der Rechte der Schulkonferenzen und einen

Ausbau der Mitbestimmung für die Beschäftigten.

(Beifall bei der LINKEN)

Zum Sofortprogramm Schule. Wir haben der Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bereits ausführlich geantwortet

und unsere Position dazu schriftlich dargelegt.

Einzelne Punkte davon könnten wir sofort unterschreiben,

z. B. die Reform der Lehrerausbildung, den Abbau

von Bürokratie und Gängelung. Andere müssten ergänzt

werden. Zum Beispiel halten wir neben einem Sozialfonds

einen Lernmittelfonds für unbedingt notwendig.

Auch darf der Stopp der neuen Verwaltungssteuerung

nicht nur „vorerst“ gelten.

Manches ist zu ungenau oder bleibt im Appellativen stecken

– wie bei der verlässlichen Schule. Nach unserer Meinung

kann es doch nicht Teil eines Sofortprogramms sein,

dass der Landtag lediglich feststellt, zusätzliche Lehrerinnen

und Lehrer sind erforderlich.Vielmehr muss tatsächlich

Geld in die Hand genommen werden, damit sich sofort

etwas ändern kann.

(Beifall bei der LINKEN)

Eine hundertprozentige Unterrichtsversorgung und eine

zehnprozentige qualifizierte Reserve sind der notwendige

Rahmen dafür, dass Unterricht gelingen kann.

Bereits vor der Wahl haben wir einen diesbezüglichen Antrag

vorbereitet und der Öffentlichkeit vorgestellt, und in

Kürze werden wir ihn hier einbringen.

Zu einigen Punkten stehen wir aber auch ganz anders, z.

B. zu G 8. Wir fordern die generelle Rückkehr zu G 9; dazu

komme ich noch einmal.

Außerdem möchten wir zwei Punkten, die bei BÜNDNIS

90/DIE GRÜNEN unter „ferner liefen“ stehen, mehr Gewicht

geben.

(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Warum haben Sie in

Berlin G 8 zugestimmt?)

Der Ausbau der Ganztagsschulen auch im Primarbereich

in gebundener Form ist unseres Erachtens die richtige

Antwort auf viele pädagogische und soziale Probleme.

Die Gemeinschaftsschule, das gemeinsame Lernen für

alle ohne den Verweis an Förderschulen und ohne Sitzenbleiben,

ist für uns ebenfalls von zentraler Bedeutung.

(Beifall bei der LINKEN)

Ein Sofortprogramm muss unseres Erachtens zumindest

erste Schritte in diese Richtung benennen. Das könnte z.

B. die Ausweitung des gemeinsamen Unterrichts in qualifizierter

Form sein.

Schließlich fehlen Schritte im Übergangsfeld Kindertagesstätte/

Schule wie auch im Übergangsfeld Schule/Beruf.

Hier werden berechtigterweise ebenfalls hohe Erwartungen

an den neuen Landtag gestellt.

Zu allen vier Punkten werden wir eigene Anträge einbringen

oder entsprechende Anträge unterstützen.

Kurz und gut: Ein hessisches Sofortprogramm Schule wird

dringend benötigt, aber das braucht noch ein bisschen

mehr.

(Beifall bei der LINKEN)

Kommen wir zum Antrag der FDP zu G 8. Ein Gutes hat

G 8:Wir verdanken es dieser unseligen Reform, dass Themen

wie Ganztagsunterricht, Mittagessen, die Verantwortung

der Schulen für die Hausaufgaben, individualisierte

Förderung, Überprüfung der Lehrpläne usw. wieder öffentlich

diskutiert werden.

(Zuruf des Abg. Hans-Jürgen Irmer (CDU) –

Gegenruf des Abg.Willi van Ooyen (DIE LINKE):

Herr Irmer, Sie haben es schwer!)

Dies sollten wir nutzen, aber nicht für G 8.Wir wollen G 8

nicht reformieren, sondern abschaffen und zu G 9 zurückkehren.

(Beifall bei der LINKEN)

Dazu hat mein Kollege Willken schon etwas gesagt, und

ich werde das nicht weiter ausführen. Nur eines noch: Als

Psychologin sehe ich ergänzend die stark gestiegene Belastung,

unter der aufgrund der Ausleseprozesse die Kinder,

aber auch ihre Eltern als Coach und Nachhilfelehrer

stehen – besonders dann, wenn sie die kommerzialisierte

Nachhilfe nicht bezahlen können.

Sicher, über einzelne Ideen im FDP-Antrag könnte man

sprechen, z. B. über die Stärkung des selbst organisierten

Lernens. Allerdings gehe ich davon aus, dass die FDP und

wir darunter unterschiedliche Dinge verstehen.

Der Rest aber ist für uns nicht akzeptabel und kulminiert

in dem Vorschlag,Vertreter von Unternehmerverbänden

in die Lehrplankommissionen der Schulen zu holen.Was

sollen die denn dort, bitte schön? Wer will denn, dass

Unternehmerverbände mit darüber entscheiden, welche

Inhalte ein Lehrplan allgemeinbildender Schulen vorsieht

und welche nicht?

(Beifall bei der LINKEN – Widerspruch bei der

CDU)

Daher können wir dem FDP-Antrag auf keinen Fall inhaltlich

zustimmen.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich komme zum letzten Antrag, der von der CDU nachgereicht

worden ist. Ganz kurz: Ausbau der Ganztagsschulen

– prima. Bedingungen an den Hauptschulen, wie

sie generell in den SchuB-Klassen existieren – prima, solange

wir nicht zur Gemeinschaftsschule kommen.

(Mathias Wagner (Taunus) (BÜNDNIS 90/DIE

GRÜNEN): Schwarz-dunkelrot!)

Zusammenarbeit mit Realschulen – wir lehnen ein Zwei-

Säulen-Modell ab.Verlässliche Schule – nur U-plus-Mittel

reichen meines Erachtens nicht; dazu habe ich eben schon

etwas gesagt.An G 8 festhalten – natürlich nicht. Sozialindizes

– ich denke, okay, wir beobachten die Situation; generell

ist es gut, dass Schulen, die unterschiedlichen Herausforderungen

begegnen müssen, unterschiedlich entlastet

werden. Das sehen wir durchaus so. – Ich danke Ihnen

für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)