Konzept für eine Schule für alle
Die Linke will, dass Kinder gemeinsam lernen Dafür wird die Ausweitung des gemeinsamen Unterrichts benötigt. Ferner sollen die Schüler entlastet werden.
Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Ich möchte als Erstes noch einmal die Experten für das Schulwesen
grüßen – Experten, weil sie sehr viel Zeit in der Schule
verbringen –, nämlich die Schülerinnen und Schüler sowie
Lehrerinnen und Lehrer, die hier noch anwesend sind.
Eben gerade waren es noch viel mehr. Ich freue mich sehr,
dass sie hier sind.
Erst einmal mein genereller Eindruck: Herr Banzer, Sie
haben Ihre Sache gut gemacht. Gerade als Psychologin
sage ich: Hut ab.Was war denn nach dem Chaos und der
Unruhe angesagt, die Frau Wolff in der Bildungspolitik an
den Schulen hinterlassen hatte? Was war angesagt, um
sich angesichts von möglichen Neuwahlen als Partei CDU
wieder positiv ins Gespräch zu bringen?
Es ging vor allem darum, die Krise zu bewältigen – das haben
Sie auch selbst ausgeführt – und für Ruhe an den
Schulen zu sorgen. Das Wort „Ruhe“ haben Sie, glaube
ich, fünfmal in Ihrem Bericht und auch noch ein paar Mal,
als Sie hier eben gesprochen haben, erwähnt. Sie wollten
für neues Vertrauen in die Politik der CDU sorgen. Sie
wollten in erster Linie gut Wetter an den Schulen machen
und das Gespräch suchen. Die Schulen sollten sich endlich
wieder ernst genommen fühlen. Sie sollten als Partner,
nicht als diejenigen, die das auszubaden haben, was die da
oben sich so ausgedacht haben, wahrgenommen werden.
Ich möchte an diesem Punkt etwas aufgreifen, was Frau
Henzler, die leider im Augenblick nicht da ist, gesagt hat.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Doch!)
– Ach, da hinten sitzt sie. – Ich denke, Sie haben richtig angemerkt,
dass Herr Banzer Brandherde löschen wollte.
Aber ich denke, man muss ergänzen, dass er bzw.die CDU
diese auch selbst gelegt hat. Es gibt da ein Sprichwort.Wir
haben eben danach gesucht, haben es aber leider nicht gefunden.
Ich möchte Frau Henzler aber an dem Punkt deutlich
widersprechen, wo sie sagt, dass keine vernünftigen Möglichkeiten
existierten, in einer Klasse oder auch nur in einer
Schule alle Kinder zieldifferent zu fördern. Ich denke,
da gibt es längst bewährte Möglichkeiten, die nicht nur im
Ausland deutlich nachgewiesen sind.
Ich habe mich anfangs oft gefragt, warum eigentlich nicht
die Sozialministerin, Frau Lautenschläger, die Nachfolge
von Frau Wolff angetreten und damit ein weiteres Ressort
übernommen hat. Schließlich ist sie für diesen Posten
doch als Verantwortliche für Kindertagesstätten und frühkindliche
Bildung prädestiniert. Der hessische Bildungsund
Erziehungsplan betrifft schließlich die Kinder von 0
bis 10 Jahren, umfasst also auch die Grundschulen.
Ich verstehe inzwischen besser, dass und warum Sie als
der bessere Kandidat gelten. Man glaubte, Sie könnten
glaubhaft verkörpern, dass es Ihnen nicht um Bedrohungsgesten
geht, sondern darum, erst einmal Ruhe einkehren
zu lassen, den Druck herauszunehmen und Ängste
an den Schulen abzubauen. Sie sind augenscheinlich in
der Lage, den Schulen auf den ersten Blick das zu geben
bzw. zurückzugeben, was sie so lange vermissen mussten.
Sie haben ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten ausgesprochen,
und Sie haben ihre Leistung angesichts schwieriger
Bedingungen anerkannt. Das ist die Voraussetzung, um
das Gespräch nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden.
Sie haben quasi die weiße Toga angelegt, sind heruntergestiegen
vom Olymp des Hessischen Landtags und haben
es wie Balu der Bär „mal mit Gemütlichkeit“ anstatt mit
Drohgebärden und dem Prinzip „bad guy – good guy“
versucht.
Ich glaube Ihnen, wenn Sie schreiben, dass Sie überall in
den Schulen eine positive Aufnahme gefunden haben. Ich
glaube, die Schulen waren über diese Wende im Stil sehr
erleichtert.Aber ob das reicht, das ist die große Frage. Die
Schulen wollen sicherlich, dass ihre Leiden gesehen und
ernst genommen werden, dass die Politik, dass also wir uns
aufmachen, das zerschlagene Porzellan wieder zu kitten,
dass wir aber auch das Landesportemonnaie aufmachen,
um nicht nur die schlimmsten Engpässe zu beseitigen,
sondern auch langfristig eine solide Finanzierung auf die
Beine zu stellen, mit der das Bildungsland Hessen wieder
nach vorne kommen kann.
Sie wissen, Sie werden Ihre Versprechen halten müssen.
Die Schulen werden sich nicht noch einmal so schnell befriedigen
lassen. Aber vielleicht haben Sie auch gedacht:
Bis zu den Neuwahlen wird es schon langen.
Zu Ihren einzelnen Entlastungsvorschlägen möchte ich
für DIE LINKE – natürlich völlig aus dem Abseits heraus,
wie Sie über uns gesagt haben – Stellung nehmen. Ihre Erklärung
heißt nicht umsonst „gemeinsam für Hessens
Schulen“. Sie heißt nicht „... für Hessens Schülerinnen
und Schüler“. Denn bis das bei den Schülerinnen und
Schülern wirklich ankommt, ist es unseres Erachtens noch
ein weiter Weg.
Erstens. Zur Anpassung und Straffung der Lehrpläne. Ich
bin zwar schon gespannt darauf, zu hören, was denn nun
eigentlich konkret der Müll ist, der entsorgt gehört. Aber
wichtig ist noch etwas anderes. Prof. Herrmann hatte in
der „Süddeutschen Zeitung“ Anfang April erklärt, dass
Lehrpläne in ihrem Wesen Stoffverteilungsvorschriften
seien. Nach seiner Ansicht gehören sie in den Müll und
sollen durch flexible Arbeitspläne für Schüler ersetzt werden.
So, wie ich Lehrerinnen und Lehrer kenne – ich bin
seit 20 Jahren in der Fortbildung für Lehrerinnen und
Lehrer tätig –, werden sie davon begeistert sein, denn dieser
Vorschlag von Herrn Prof. Herrmann ist doch weit näher
an der Unterrichtsrealität.
Stattdessen wollen Sie die Lehrpläne auf die Kern- und
Methodenkompetenz ausrichten.Was bitte schön ist das
denn eigentlich? Sie kündigen Bildungsstandards und
Kerncurricula an, die zum Teil noch gar nicht existieren
und in ihrem Charakter als Regelstandards eigentlich
eher anforderungsbezogene Leistungsstandards sind, die
mit dem Begriff von Bildung, den wir LINKEN haben,
nur sehr wenig zu tun haben.Wir haben einen Begriff von
Bildung, der zugleich umfassende Selbstbildung und eine
generell kritische Sicht auf das, was uns umgibt, einschließt.
(Beifall bei der LINKEN)
Zum zweiten Punkt: Gestaltung der Kontingentstundentafeln,
die Sie eingeführt haben. Auf den ersten Blick handelt
es sich um den richtigen Weg.Auch wir haben in unserem
Gesetzentwurf der sechsjährigen Mittelstufe eine
Umstellung der Stundentafel auf der Basis der Gesamtstundentafel
in Aussicht gestellt. Aber wir haben eine
jährliche Entlastung der Stundentafeln durch eine Rückkehr
von fünf auf sechs Jahre vorgesehen. Sie rühren das
Ganze eigentlich nur um. Jeder Hobbykoch weiß, davon
wird die Suppe nicht gehaltvoller, sie brennt allerdings
nicht so schnell an. Das ist das, was Sie vermutlich angetrieben
hat.
(Beifall bei der LINKEN)
Noch eines: Sie erwähnen die Gestaltungsfreiheit der dritten
Fremdsprache. Wer wird sie denn freiwillig wählen
wollen angesichts des weiterhin gegebenen Leistungsdrucks?
– Ich könnte noch die restlichen Schüler auf der
Besuchertribüne fragen: Wer von euch wird unter dem
Druck bei G 8 eine dritte Fremdsprache wählen? – Ich
denke, die Antworten würden unsere Position stützen.
Zum dritten Punkt: Ganztagsangebote und Mittagstisch.
Hierzu haben wir schon mehrfach Stellung genommen.
Auch SPD und GRÜNE haben die Ganztagsangebote als
Schwindel und Augenwischerei bezeichnet. Nach diesen
angeblich ganztägigen Angeboten stehen für Schülerinnen
und Schüler noch die Hausaufgaben, das Üben generell
und die Vor- und Nachbereitungen für die Klassenarbeiten
an.Wir fordern den Ausbau echter, d. h. gebundener
Ganztagsschulen, in denen die Kinder spätestens um
16.30 Uhr, an manchen Tagen auch früher, nach Hause gehen
und dann chillen und abhängen und vielleicht auch
Querflöte spielen.
(Sarah Sorge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):Was
machen die Eltern in der Zeit?)
Dabei haben auch die Lehrerinnen und Lehrer die
Chance und die Verantwortung, die Schülerinnen und
Schüler tatsächlich zu begleiten und über die Schulaufgaben
die Lernfortschritte zu überprüfen.Wir haben gestern
gehört – ich lasse mich gerne belehren, wenn ich Minister
Banzer missverstanden habe –, dass die Gelder für Ganztagsangebote
in 2008/2009 in Gänze für die Ausweitung
der Mittagstische und Über-Mittag-Angebote an den
G-8-Gymnasien vorgesehen sind. Dies wäre absolut unsozial
und kann vom Hause nicht hingenommen werden.
Seit Jahren warten viele Schulen, auch Grundschulen, auf
die Anerkennung als offene oder gebundene Ganztagsschule.
Sie haben aus dem Bundestopf die Mensen schon
aufgebaut, dazu haben Sie nichts beigetragen, und warten
auf den Startschuss, um endlich eine andere rhythmisierte
ganztätige Pädagogik anbieten zu können.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Sie auch nicht! – Mark
Weinmeister (CDU):Was haben Sie dazu beigetragen?
– Gegenruf des Abg. Willi van Ooyen (DIE
LINKE))
Das ist eine Pädagogik, die viele Kinder so nötig brauchen.
Das steht an in Standorten, für die die von Ihnen so
beschworenen Sozialindizes gelten. Ich wohne in Dietzenbach.
Schon vor fünf Jahren haben zwei der fünf Grundschulen
nach ausgiebiger und anfangs kontroverser Diskussion
die Anerkennung als gebundene Ganztagsschule
beantragt. Der Anteil von Migrantenkindern liegt bei 70
bis 85 %. Der überwiegende Teil der Familien ist als sozial
schwach einzuschätzen. Über all die Jahre sind sie vertröstet
worden. Ich meine, wir haben hier eine Verantwortung.
In einem Gymnasium handelt es sich immer nur um wenige
Kinder aus bildungsfernen Schichten. Es kann nicht
sein, dass wieder einmal, und diesmal mit der Begründung,
Gerechtigkeit herzustellen und den Elternwillen zu
erfüllen, die benachteiligten Kinder der Grundschulen
abgehängt werden. Das kann auch nicht allein durch die
wenigen Schüler in SchuB-Klassen ausgeglichen werden.
Das lassen wir nicht zu.
(Beifall bei der LINKEN und des Abg.Turgut Yüksel
(SPD))
Ich bin überzeugt, die Mehrheit des Hauses wird zeigen,
dass die Verteilung der Gelder nicht mehr so akzeptiert
wird. Dahin gingen auch die Aussagen meiner Vorredner
von SPD und den GRÜNEN.
Ihr vierter Punkt ist die Bereitstellung von mehr Stellen
für kleinere Gruppen. Toll, aber woher kommen die 100
Stellen? Abgesehen davon, dass sie nicht reichen werden,
und abgesehen davon, dass auch die anderen Schulformen
kleinere Klassen benötigen – das ist auch schon mehrfach
ausgeführt worden –, damit das Lernen wieder Freude
macht und etwas bringt. Darüber hinaus muss man vermuten,
dass sie zulasten der anderen Schulformen gehen.
Herr Minister Banzer, woher nehmen Sie die Stellen?
Was bleibt noch aus Ihrer Regierungserklärung? – Regierungserklärung
ist ein viel zu anspruchsvolles Wort. Ihre
Regierungserklärung bestand aus nicht mehr als einer
Absichtserklärung zur Atmosphäre und ein paar Ausführungen
zu G 8.
Okay, die Beschränkung bei den Klassenarbeiten ist sicherlich
sinnvoll. Als LINKE wenden wir uns gegen die
ständige Testeritis, die – was ich als Psychologin noch einmal
sagen möchte – in der Regel nicht als Förderorientierung
genutzt wird, sondern zur Einstufung. Wir wenden
uns ebenfalls gegen den parallel gelagerten ständigen
Evaluationsdruck bei den Lehrerinnen und Lehrern.
Zur Wahlmöglichkeit an kooperativen Gesamtschulen
haben wir schon ausführlich Stellung genommen. Das
wiederhole ich jetzt nicht. Ebenfalls nehme ich nicht mehr
zu den kleineren Punkten aus Ihrem Elf-Punkte-Programm
Stellung.
An den Schluss will ich stellen, was wir in einer wirklichen
Regierungserklärung für den Bildungsbereich vermissen.
Wir vermissen schlicht gute Bildung für alle, angefangen
von besser konzipierten Krippen in öffentlicher Trägerschaft
über Kitas mit ausreichend bezahlten Erzieherinnen,
die den Erziehungsplan mit einem vernünftigen Erzieher-
Kinder-Schlüssel umsetzen, weiter mit einem tatsächlichen
Programm zur flächendeckenden Versorgung
mit Ganztagsschulen in offener und gebundener Konzeption,
vor allem in den Problemvierteln mit ihren sogenannten
Sozialindizes, weiter mit einem Konzept der Entwicklung
einer Schule für alle oder, wie Sie es nennen,
„Einheitsschule“ –
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Sozialistische Einheitsschule!)
dies ist ein Begriff, der mit der deutschen Einheit durchaus
positiv verbunden ist.Weiter könnte man auch noch
die Berufsschulen benennen, die haben Sie auch nicht aufgeführt.
Für das lebenslange Lernen würden wir auch
gerne weitere Visionen entwickeln.Weiterhin sollten Sie
nicht so zaghaft mit der Bereitstellung der Gelder für die
100 Lehrerstellen umgehen.
Über kurz oder lang werden alle Bildungsangebote kostenfrei
sei. Dies entspricht den Vorstellungen der Hessischen
Verfassung. Es erfordert natürlich eine Umverteilungspolitik
auf Kosten derer, die bisher nicht angemessen
in die allgemeinen Kassen einzahlen.
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer
(CDU): So ein Schwachsinn!)
Dies ist eine Position aus dem Abseits, die längst nicht
mehr aus dem Abseits kommt, wie wir denken.
Dagegen wollen wir keine privatisierte Bildung.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Das haben wir gesehen,
wohin das bei den Russen und in der DDR geführt
hat!)
Wir wollen keine Bildung, die erforderlich macht, dass Eltern
bei Nachhilfeeinrichtungen Kunden werden, dass sie
teure Privatschulen zahlen müssen, weil nur dort Nachmittagsunterricht
und bilinguales Lernen möglich sind.
Wir wollen keine Abhängigkeit bei den notwendigen Innovationen
von Stiftungen wie der Bertelsmann Stiftung
und keine Unternehmerverbände in den Lehrplankommissionen.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf des Abg. Hans-
Jürgen Irmer (CDU))
Wir wollen keine Berufsschulen, die nach betriebswirtschaftlichen
Kriterien ausgerichtet sind.
(Hans-Jürgen Irmer (CDU): Freie deutsche Jugend!)
Wir wollen keine SV.
(Mark Weinmeister (CDU):Was?)
Wir halten es absolut für notwendig, dass arme Familien
für ihre Kinder die Schultüte gestellt bekommen und dass
sie ebenso das Mittagessen gestellt bekommen.
(Mark Weinmeister (CDU): Frau Kollegin, warum
wollen Sie keine SV+?)
Wir wollen, dass Kinder gemeinsam lernen, und benötigen
dafür als ersten Schritt die Ausweitung
(Mark Weinmeister (CDU): Sagen Sie etwas zu
SV+!)
– jetzt seien Sie doch bitte einmal still – des gemeinsamen
Unterrichts und längerfristig die Inklusion aller behinderten
Kinder in den Regelschulen.
(Beifall bei der LINKEN)
Präsident Norbert Kartmann:
Frau Abgeordnete, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Kollegen Weinmeister?
Barbara Cárdenas (DIE LINKE):
Ich möchte erst zu Ende vortragen. – Herr Minister Banzer,
wir sind, wie Sie, gegen Schnellschüsse. Wir müssen
jetzt beginnen, die richtigen Schritte zu gehen und uns
nicht die Möglichkeit eines sozial gerechten Schulwesens
zu verbauen. In dem Sinne machen wir uns als Haus auf,
die richtigen Schritte gemeinsam zu gehen. Damit sehe ich
in erster Linie die Verantwortung bei der Mehrheit des
Hauses, also bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN und uns. – Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Jürgen Irmer
(CDU): Jetzt die Frage!)